stimulanzzirkel

9. August, Lyon

Lyon, eine Pause im Trip. Endlich mal wieder normale Zivilisation, Betten.

Musik durchströmt meine Ohren, die Stadt liegt mir zu Füßen. Weit in der Ferne erheben sich Berge aus dem Dunst, vielleicht die Rhône-Alpes. Wer weiß das schon. Das is jetzt alles unerheblich. Ich bin hier und kann mich ausruhen, eine Pause finden, meinem Körper die nötige Entspannung geben, die er sich so sehr verdient hat. Arbeit, nicht nur im Geiste.

Jeder von uns beiden nimmt sich eine kleine Auszeit, Zeit für sich selbst, Raum für sich selbst. Nicht einmal die Hälfte ist bis jetzt vorbei und es geschehen jeden Tag neue Geschichten, alles ist real.

Das ist das größte Wunder an allem: Es ist immernoch der selbe Planet, auf dem wir uns schon immer bewegt haben, nichts hat sich geändert, außer unsere Position.

Wir bewegen unsere Perspektive und bekommen dadurch ein zusammenhängenderes Gesamtbild.

Oder auch nicht.

Schon fast zwanzig Jahre hier und fast noch gar nichts gesehen. Jeder bekommt immer nur einen minimalen Ausschnitt, selbst wenn er sich bemüht und Tag um Tag umherreist. Man kann einfach nicht alles erleben.

Ich weiß, dass ich nichts weiß.

Unsere Griechen waren uns wohl schon um einiges voraus. Vielleicht sollten wir erst einmal versuchen, sie zu verstehen, bevor wir uns mit unserer Welt abquälen. Obwohl. Ist es nicht das Recht der Jugend, die selben Fehler wie alle Generationen zuvor noch einmal zu machen, damit es wenigstens ihr eigenes Erleben ist? Die anderen hatten es schließlich auch.

Ich schloss die Augen, ließ mich von der Musik treiben und öffnete sie wieder. Welch Wunder, die Welt war noch da, Lyon war noch da. Ich war immernoch inmitten dieses vollständigen Wunders, inmitten dieser Reise, inmitten meines eigenen Lebens. Das ist es, ganz einfach. Nicht anders und ohne Probleme.

(Wie kann man nur so selbstverliebt sein? Das heißt wohl, ich fühle mich wohl, so wie ich jetzt bin. Dort, wo ich jetzt bin.)

Und ich bin, wohl weißlig, nicht der einzige mit diesem Gefühl. Da draußen sind tausende, denen es ähnlich geht und nie war es einfacher und sicherer, diesen Weg des Lebens zu beschreiten.

Einfach machen.

Einfach machen können.

Europa, die Europäische Union, 60 Jahre ohne Krieg, das ist ein Geschenk, das nicht selbstverständlich ist und das den Schweiß und das Blut vieler Millionen gekostet hat. Sie sollen nicht umsonst gestorben sein, umsonst gekämpft haben, denn hier ist er jetzt, der Prototyp einer neuen Zeit.

Vielleicht sind die Nullerjahre ja doch nicht so charakterlos, wie man bisher dachte. Vielleicht ist dort etwas, eine Chance, eine seltene Möglichkeit. Die Umstände sind da, es liegt nur an uns, sie richtig zu benutzen.

Schöpfe ich wirklich alles aus, gebe ich mein Ganzes? Der Muskelkater in meinen Beinen sagt: Ja!

Über all dem Wuseln wacht die Sonne mit ruhiger Gelassenheit. Seit Jahrmillionen schon spendet sie diesem Planeten das Leben. Ein heikles Gleichgewicht, minimale Toleranzen, und doch sind wir hier. Was lohnt es sich da, die Zeit zu vergeuden mit Inhumanität? Wir sind für uns selber da, nichts weiter.

Ich atme freie Luft, die Stadt ist immer noch dort – und weiter?

Alex kämpft sich durch sein Programm des Tages, es ist ja so unheimlich viel zu erledigen und auch sonst- natürlich ist zu zweit auf so engem Raum nie reibungsfrei. Ich lasse ihn einfach machen und er lässt mich einfach machen, so läuft der Laden hier.

Die Physis bietet genügend andere Gelegenheiten, gegen die man kämpft.

Jeden Meter kämpft man schon gegen sich selbst, warum sollte man dann noch gegen jemand anderes kämpfen? Situationen einfach verdrängen, sie bedeuten ja letztlich für den Moment nichts, denn man kann ihnen nicht entfliehen. Aber für die Zukunft kann man lernen, für sich, in Bezug auf ihn und sowieso.

„Lass uns ein für allemal klarstellen, dass die Jugendherberge deine Idee war.“

Dieser Satz liegt mir schwer im Magen. Ich sei „schuld“, oder wie? Nein. Zu teuer? Nö. Was dann? Nur so, prinzipiell.

Ich verstehe es noch immer nicht, gar nichts daran. Welche Bedeutung? Er ist doch mitgekommen, hatte Spaß. Ich weiß nicht. Wann ich den Kloß verarbeite?

Ich atme freie Luft, die Stadt ist immernoch dort und alles steht mir offen.

Die Zeit wird schon zu mir sprechen, als könnte jeder Moment der letzte sein. Jeden Tag. Einhunderprozentige Anwesenheit. Es gibt keine halben Momente. Man kann ja doch nicht anders, als da zu sein. Warum dann also nicht richtig? Ales andere ist doch nur verschenkte Zeit.

Ich bin hier, ich mache diesen Trip, ich habe mir das gewählt. Jeder Moment ist ich, denn geschaffen aus meinem freien Willen. (Ich postuliere jetzt einfach mal, dass es den gibt. Erläuterung später.)

Immernoch Lyon und der selbe Tag, aber etwas später.

Ich wollte Alex in einem Teehaus in der Rue de Marseille finden. Einmal hoch und runter. Natürlich wurde nichts draus. Verschollen in den Tiden der Zeit.

Dafür hatte ich meine zwei Shishas schon vorher. Vielleicht bin ich auch etwas zu spät losgegangen, wer weiß. Zumindest sah ich ihn nirgends sitzen.

Also finde ich mich jetzt vor dem Office du Tourisme wieder. Kann ja nicht schaden, sich an den eigentlich verabredeten Treffpunkt zu halten. Möge er kommen oder nicht.

Im „Le Palais“ direkt neben dem Bistro von nebenan herrschte wieder eine herrliche Athmosphäre.

Empfangen und willkommen geheißen. Ein wenig Musik von Mireia und die Shisha, das Ambiente: Ich war versunken in Emotionen und die Tränen kullerten mir sachte von der Wange. Momente. Und dann fingen die Leute an, mit mir Deutsch zu sprechen. Bonn, Lutherstadt Wittenberg, München – rumgekommen sind sie schon so einiges.

Ganz speziell beeindruckte mich der Besitzer. Ein Shishaprofi. In allen belangen und das sah man. Dazu ein magisches Kamel und die Einladung, mich in die Runde zu setzen. Familiär. Tunesier.

Für mich gab es dann auch noch eine kleine Lehrstunde in Shishakunde. Jeden Tag lernt man etwas, wie Simon sagte.

Die gesamte Reise beginnt, sich mit sich selbst zu verknüpfen. Ideen, Gedanken wandern von Mensch zu Mensch, das Konglomerat aus Eindrücken wird zum Weltgeist, zu Gaia. Überall und in jedem Winkel steckt sie, Mutter Erde. Jeden Moment macht sie einmalig, jedes Erleben zu einem Wunder.

Nur ist nicht jeder dazu in der Lage, das zu sehen. Nur einigen ist es vorbehalten, mit ihr Kontakt aufzunehmen. Mir auch? Ich hoffe es. Ich spüre Anzeichen, erste Signale. Dinge beginnen, Sinn anzunehmen. Ich kann mir einige Reime machen, Bilder formen, sie zerstückeln und dann neu, aber vollständig wieder zusammensetzen. Es stimmt nicht immer nur eine Kombination der Teile, alle sind irgendwie richtig und jede zeigt in eine andere Richtung, weist einen anderen Weg, den man beschreiten könnte.

Hey! Man ist seines Schicksals eigener Schmied. Welch Erkenntnis, welch langer Weg dorthin. Und ich bin immernoch so verblüfft, dass ich es jeden Tag tausendmal hinausschreien könnte.

Aber was machen mit dieser Freiheit?

Setzt sie einen doch etwas unter Druck, sie zu benutzen. Es ist doch so schön bequem, den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen. Das habe ich bisher gemacht, mich treiben lassen.

Vielleicht ist das ja jetzt endlich vorbei? Who am I? Dies Rätsel beginnt sich selbst zu lösen, einfach durch das stellen der Frage, immer und immer wieder. Eine schöne Aussicht für die nächsten Jahre, waren doch auch die bisherigen genial.

Eine neue Zeit beginnt. Und beginnt sie für mich, beginnt sie für die ganze Welt, denn sie ist in mir. ich bin sie. Wie jeder andere auch. Jeder kleine Schritt beginnt einen großen Weg, alles fließt. Das omnipräsente Panta Rei. Und wieder bin ich bei den Griechen. Aber es ist etwas anderes, davon zu lesen oder es zu fühlen. Es drint in mich ein. Ich behaupte nicht, es zu begreifen, es von nun an zu Leben.

Aber es wird langsam ein Teil von mir, es beeinflusst mein Denken und somit Handeln.

Meine Umwelt wird mir wieder bewusst. Damit mache ich mich mir selber bewusst. Erkenne dich selbst. (Schon wieder…)

Moral, Ethik oder von mir aus Philosophie sind nicht kompliziert, es sind die simplen Ansprüche, die die Basis bilden.

Wer bist du? Was hat dich so gemacht? Wo bist du angelangt und vor allem wie?

Habe keine Angst. Keine Angst davor, Fragen zu stellen nur weil du denkst, die Antworten könnten dir unangenehm sein. Denn es ist die Angst vor den Antworten, die dich blockiert.

ein elektronisches experiment. spätfolgen für's nervensystem nicht ausgeschlossen!