stimulanzzirkel

2. August, Montpellier

Diese Stadt lebt. Oder zumindest endlich mal eine Stadt. Im Gegensatz zur etwas wechselhaften Nacht in Béziers wurden wir hier pünktlich um neun Uhr von zwei freundlichen Polizisten auf dem Fahrrad geweckt. Sah auch schon etwas merkwürdig aus, unsere Konstruktion da im Park.

Den Komfort von Mataro erreichte sie aber leider nicht. Wir entspannten uns also munter im Schatten, mal hier ein Tütchen, mal da, und schließlich gab es für seinen Abend ein wenig Hasch und für uns seine Telefonnummer.

(Mittlerweile sieht es jedoch so aus, als würden wir uns Marseille sparen, somit alles für die Katz‘!)

Bob Marley sang uns schließlich gemütlich in den Schlaf, der dann doch etwas fester als erwartet wurde. Eine Schockabfahrt sozusagen. Hau-ruck und ab an die Küste. Meter für Meter, Kilometer für Kilometer und die Sonne senkte sich langsam! Bergauf, bergab, immer weiter, bloß geradeaus, nichts anderes zählt mehr.

Tourismus, Tourismus, Tourismus, nichts als Touristenzentren entlang der Küste. Und natürlich immer die RENFE in der Nähe. Insgesamt eine sehr skurrile Kulisse, denn über all dem prangte das majestätische Mittelmeer. Es war einfach da, es brauchte keine Erklärung, keine Entschuldigung für seine Existenz. Natürlich.

Die Sonne näherte sich unaufhaltsam, und für uns wurde ein Nachtlager notwendig. Eine geschützte Ecke auf einem Bauernhof zwischen Calella und Balmes sollte für’s Erste genügen. Schlafen auf der Plane unter freiem Himmel und Alex hatte Schiss. Ich fühlte mich sicher, habe irgendwie ein Gefühl dafür. Und mit einem riesen Feuerwerk schliefen wir ein.

Der zweite Tag

Früh, viel zu früh klingelte Alex‘ Wecker. Was kann ich denn für seine Angst? Aber es gab kein zurück, einmal wach, ist man wach. Wohin also heute? Erstmal weiter.

Durch Balmes ging es in einen Vorort von Lloret de Mar zum wach werden und frühstücken. So eine Küchenmutti wie Alex möchte ich später auch haben: Alles wird vorbereitet. Ich brauche nur zu essen.

Und von nun an, der Kampf gegen die Berge. In alle Richtungen für uns ging es nur nach oben. Tossa de Mar, keine Chance. Aber vielleicht irgendwie nach Girona? Aber wie? Es wurde somit langsam eine Karte fällig, die Alex half, einen für ihn schwierigen Entschluss zu fassen: Rückkehr nach Balmes und über die Nationalstraße nach Norden.

Auch dort sah erst alles schön aus. Ein wenig hügelig, doch dann, nach dem Zubringer also wirklich wieder auf der Nationalstraße, ging es nur noch nach oben. Und es wurde heißer und heißer! Ich konnte nicht mehr. Meine Rettung war eine Tankstelle im Niemandsland.

Die Siesta

Alex war schon längst angekommen, denn ich hatte geschoben, doch auch er war etwas zerstört. Was nach der Tankstelle vor uns lag, war wieder eine Steigung. Und alles wurde langsamer und langsamer, dazu brauchten wir nichtmal rauchen. Zu heiß, zu kaputt!

Wir betteten uns im Schatten nieder, er schrieb und ich grübelte wieder: Antonia anrufen? Den Zug besteigen? Welche Möglichkeiten gab es, nach Barcelona zu meiner Liebe zurück zu kehren?

Die Stunden rannen dahin, Alex ging in ein Dörfchen zum Einkaufen, doch kein Erfolg. Es war einfach eine Nicht-Zeit an einem Nicht-Ort. Zu viel passiert in deinem Kopf in dieser Hitze, das ist nicht gesund. Unser Schweigen war lauter als das Zirpen der Grillen. Ich musste dort weg. Vielleicht könnte ich ja einen Besucher der Tankstelle fragen, ob er uns mitnähme.

Also endlich das Handy laden. Die Toilette bot eine Steckdose und mir einen schattigen Platz zum Warten und wieder einmal Grübeln. Spanisches Radio und das Geschehen auf der Tankstelle sollten mich ablenken. Mal hier ein bisschen Gedudel, mal da ein Lasterfahrer aus Girona, den man ja mal fragen konnte.

Dumm nur, dass es eine Radiostation aus Barcelona war und die ganze Zeit irgendwelche Leute anriefen. Also nichts mit Ablenkung, es führte immer nur auf mein eigentliches Thema zurück.

Alex erwachte schließlich, sah mich und wir aßen ein wenig Automatenfraß. Es folgte Schweigen, eine lustlose Partie Schach und nochmehr Schweigen. Wann würde diese Hölle endlich ein Ende nehmen?

Irgendwann, zum Glück, tat sie es und wir fuhren einfach weiter, hinein in die Berge, immer Richtung Girona, Richtung Frankreich. Vorwärts!

Girona so nah

Vorwärts, einfach nur vorwärts. Berg für Berg, jeder war ein Kampf und entlohnte uns ein Stück mit Abfahrt. Die km fraßen sich in unsere Augen, jedes Schild war eine Verheißung. Noch 25 km! Nur noch 15 bis zum Flughafen.

Immer näher und näher. Und plötzlich, als die Abfahrt da ist, verpassen wir sie. Also weiter auf der Stadtumgehungsroute, bis wir eine Apfelplantage finden und erst einmal eine Reserve anlegen. Man weiß ja nie! Außerdem hatten wir seit Stunden nichts richtiges mehr gegessen und ich musste einfach irgendwas essen.

Glücklicherweise befand sich dort auch eine Ausfahrt, die wir nach Blick auf die Karte nutzen konnten, nach Girona reinzukommen. Straßen, Menschen, Supermärkte – Zivilisation!

ein elektronisches experiment. spätfolgen für's nervensystem nicht ausgeschlossen!