stimulanzzirkel

Information

This article was written on 16 Feb 2015, and is filled under out of time.

Onlinepräsenz

Wenn wir uns online äußern, zielen wir womöglich auch darauf ab, gelesen zu werden. Aber ein weitaus ideosynkratischeres Moment schwebt mit.

Wir finden uns allzu häufig im Akt des Schreibens wieder. Doch seine Funktion ähnelt dem des Sprechens, des Aus-Sprechens. Ähnlich der katharsischen Wirkung eines guten Gesprächs unter Freunden, kann die Vor-Augen-Führung der eigenen Gedanken eine ähnliche Klarheit hervorrufen.
Die hinreichenden Bedingungen der Form jedweder schriftlichen Äußerungen geben uns strikte Muster vor:

  • Die Verwendung allgemein verständlicher Grammatiken und Vokabularien erhöht die Wahrscheinlichkeit auf Resonanz zu stoßen.
  • Die Linearisierung eines Ideengefüges beliebiger Denkräume hilft dabei ein Narrativ zu formulieren, eine Geschichte welche ihre Aspekte anderen Kontexten zugänglich macht.
  • Die inheränte Zeitlichkeit eines gewählten Ausdrucksmediums beschließt die letztgültige Verfügbarkeit der Argumente für den Öffentlichen Diskurs.

Seit 2001 blogge ich regelmäßig, damals noch unter den Domänen elektroni.de und ge-hirn.de, wie es sich für einen Sechzehnjährigen gehört.

archive.org - elektroni.de history archive.org - ge-hirn.de history

Allein das Alter dieser Erinnerungen und ihre künstlerischen Verzweigungen helfen mir, meine eigene Geschichte zu rekonstruieren, die nicht in Tagebüchern gelandet ist.
Das ASCII-Art aus dem letzteren Link beispielsweise, noch lange bevor ich überhaupt nur daran gedacht hätte von solchen Pflanzen zu kosten, verweist eigentlich viel mehr darauf, dass ich mich im IRC, genauer dem EFnet (aus den Niederlanden) herumtrieb und dort wahrscheinlich auch Freunde hatte.

Gleichzeitig betrieb ich für die eigentlichen Freunde und mich, grob also unserem Schuljahrgang, ein Forum welches während des Irakkrieges reichlich Konversationen förderte. Wohlgemerk dann unter fast Achtzehnjährigen. Es sei unseren Privatsphären gegönnt, dass die konkreten Beiträge nicht archiviert wurden.

Auch konnte ich über diesen, meinen eigenen archivierten Content einen lange verschollenen Link wieder herbeizaubern! Es lässt sich darüber vortrefflich Über das Denken nachdenken.


Aus diesen wenigen Fragmenten erkennen wir die Bedeutsamkeit einer selbst verwalteten (virtuellen) Infrastruktur, wenn wir über unsere eigenen, darüber ausgetauschten Argumente langfristig verfügen wollen. Dies schließt noch nicht einmal private, zivile und andere physische Rechnernetzwerke, wie auch Internetcafés oder Freifunk, mit ein.

Schwups, jetzt haben wir es ein paar Dekaden später und noch immer werden Menschen an kommerzielle Anbieter und deren Wohlwollen gebunden. Wobei sie sich letztlich selbst binden, sind die Freemium Angebote schlicht zu verlockend. Mit der Zeit gewöhnen wir uns an viele Dienste (Google, Facebook, Twitter, Trello, Medium, Diigo, um nur einige zu nennen) und merken die Abhängigkeit erst wieder, wenn bestimmte Angebote (aus kommerziellen Beweggründen) eingestellt werden.

Um der Informationsflut beizukommen und unseren Alltag effektiv hacken zu können verwenden wir hier gerne diagrammatische Abhängigkeitsanalysen, die sich angenehm visuell aufgreifen und in agile Projektmethodologien einbinden lassen, vorzugsweise später in Taiga.

Content and Publishing Aggregation for the Interwoven Granularity

Dieses Metacademy Beispiel veranschaulicht bereits statisch die mit ihm verbundenen Vorgänge, lässt sich aber auch interaktiv erkunden.

Eine solche Abhängigkeitsanalyse lässt sich auch bequem mit Node-RED zusammenklicken, bspw. wenn flexiblere Abhängigkeiten als in Metacademy abzubilden sind. Das Ziel hierfür kann sein eine gesamte Feed-Aggregations-Pipeline in einer visuellen Programmierumgebung zu bauen. Wovon wir noch etwas entfernt sind.


Was sehen wir hier?

streams of consciousness : publish and subscribeable information flows

Als größte Cluster lassen sich ausmachen

  • Wikis,
  • Blogs,
  • Chat – Instant Messaging,
  • Mailinglisten,
  • Onlineforen (Discourses, NodeBB),
  • Infrastruktur,
  • Bookmarks und
  • kommerzielle Dienste (Silos)

Die Aufschlüsselung der individuellen Kanäle ist letztlich unvollständig und würde von jeder Person erstellt einen anschaulichen Fingerabdruck ihrer Onlinepräsenz darstellen.
Jeden dieser Kanaltypen können wir dabei als Informationsquelle und -publikationskanal verstehen, wobei je Autorisierung unterschiedliche Zugangsmöglichkeiten bestehen.

Klassisch verstehen wir unter online presence aber das Feld der Chat und Instant Messaging (unverzügliche Nachrichtenübermittlung) Anwendungen. Herausragende Beispiele sind der IRC (Internet Relay Chat, Gruppenchaträume die über verschiedene Server zusammenhängender Rechnernetze erreichbar sind), XMPP/Jabber wie Google und Facebook es auch für direkte Kurznachrichten verwenden (Skype, MSN Messenger, ICQ, AIM und dergleichen verwenden eigene, aber ähnliche Protokolle) und vielfältige Videotelefonieoptionen. Wir möchten uns auf die ersten beiden konzentrieren.


Der IRC ist der Hort des Internets. Dort werden zähnebeißend Arbeitsgruppentreffen abgehalten und Standards diskutiert. Besondere Ereignisse (auf der Welt) machten hier, noch lange vor Twitter, schon immer als erstes die Runde. Viele Open Source Projekte bieten auf irc.freenode.net einen Kanal an, um direkt mit den Entwicklern in Kontakt treten zu können. Sogenannte Bots überwachen mancherorts das Geschehen und erstellen Protokolle oder sorgen für weitere Benachrichtigungsdienste. Das Protokoll ist verstanden und weitreichend implementiert. Es gibt auch ansehnliche und einfache Web Apps, welche in das IRC hinüberreichen.

Das XMPP/Jabber Netzwerk ist (hoffentlich) nur etwas weniger schwer zu verstehen. Dient es doch nicht wie das IRC der Gruppenkommunikation, sondern der direkten Kommunikation vieler einzelner Nutzer. Es veröffentlicht autorisierten Peers (anderen Nutzern) den eigenen Onlinestatus, ganz so wie wir es füher als Heranwachsende mit ICQ gemacht haben und der kleine Punkt in Trello noch von kündet. Auch viele Forensysteme hatten eine Who’s online? Ecke.
Des weiteren brillieren Jabber Clients durch die Unterstützung des Off The Record (OTR) Protokolls, welches NSA-sichere Verschlüsselung einer Unterhaltung garantiert.
Dieses Protokoll ist, als weitaus strukturierteres Format denn IRC, ebenfalls weitum verstanden und implementiert.
Erst kürzlich habe ich eine Integration zwischen einer Gruppenchat-Webanwendung und XMPP genauer unter die Lupe genommen.


Versuchen wir den Kreis zu meinen selbstpublizierten Gedankenfragmenten der Jugend wieder zu schließen. Wir rekapitulieren:

  • Ich habe gezeigt, wie ich mich in meinen alten Inhalten bewege und wiedererkenne. Manche Perle an Information war dort gar zu finden! Meine eigene Infrastruktur ermöglichte es bereits früh, mich am Öffentlichen Diskurs zu beteiligen und ihn dadurch auch zu begünstigen.
  • Anschließend, im Wirken einer groben Dekade, multiplizierten wir die Publikations- und Konsumptionskanäle und besannen uns auf den Begriff einer Onlinepräsenz, die sich wohl nur in flüchtigen Vielfältigkeiten ansiedeln lässt.
  • Letztlich betrachteten wir, wo sich dieser Begriff im strengen Sinne auch heute noch wiederfinden lässt.

Nun ist es Zeit die Argumente zusammenzubringen.

Die Multiplikation der flüchtigen Vielfältigkeiten einmal ausgenommen, bilden das IRC und XMPP beständig grundlegende Kommunikationsinfrastrukturen des Internets (Beachte! Nicht des Webs). In einer Welt die nach Unzentralisierung ruft, sind wir gut daran getan unsere eigenen Kanäle zu betreiben. Erst kürzlich hat der CCC das Registrieren neuer Mitglieder für seinen jabber.ccc.de Dienst eingestellt, da es durch übermäßige Zentralisierung einen Ausfall, einen Single-Point-of-Failure gab, welcher alle angeschlossenen Nutzer mit sich nahm.
Daher wird empfohlen, dass wir uns wieder öfter selbst die Hände dreckig machen und auch mal einen Mail- oder Jabberserver für Freunde einrichten.

Die Entscheidung liegt bei uns, den Usern.

One Comment

  1. […] Replied to a post on elektroni.de : […]

Leave a Reply