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This article was written on 19 Sep 2011, and is filled under Strasbourg.

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Ankunft im Labyrinth einer Stadt in der Nacht

Es ist wieder Sonntag. Sonntag ist Schreibtag.

Mit einer Tarte Provencale à la Polenta im Magen und tiefen dunklen Furchen unter den viel zu kleinen Augen fangen die wurmartigen Fortsätze am Ende meiner Arme an auf dem grauen Plastik auf meinem Schoß zu klappen.

Sie suchen nicht, sie halten nicht inne, der Strom ist unaufhörlich. Die Echtzeit unaufdringlich. Selbst in dem kleinen Ausschnitt, der sich mir als Welt offenbart, obwohl er dem Namen Welt in keinster Weise gerecht wird, passiert derzeit zu viel, um der Geschehnisse Herr zu werden.Der Trick wird es wohl sein, das nicht zu wollen. Nicht zu beherrschen. Nicht zu kontrollieren. Keinen Plan zu haben war schon oft der beste Plan.

Es ist nicht Sao Paolo, es ist nicht Lima, es ist nicht Damaskus,
es ist nicht Tokyo, es ist nicht Bogota, es ist nicht San Francisco,
nicht Beirut, nicht Jakarta, nicht Budapest, nicht London.

Es ist Strasbourg. Es ist nicht die Welt, aber es ist ein Herz Europas.
Es ist angenehm, diesem Namen eigene Assoziationen hinzufügen zu können.
Geschichten, die sich aufbauen, wie eine Karte, welche sich beim Streifen durch die Landschaft malt. Ein Ort, dessen ganze Schönheit ich noch nicht erahnen kann, der mich aber zugegebenermaßen vorher nicht sonderlich gereizt hat. Doch war wahrscheinlich das der ausschlaggebende Punkt:
Zu allen oben genannten Orten existieren bereits Bilder, Assoziationen, Erwartungen.
Hier war das nicht so, der Ort lag sprichwörtlich leer zu meinen Füßen.

Wie eine kleine Dose, die im Vorübergehen bald übersehen wird, weil sie unscheinbar in der Ecke eines Zimmers ihr Dasein fristet. Doch einmal hineingeschaut – oh Wunder, sie ist voll bunter Farbe, welche in Schwällen und Wellen fliegenden Noten gleich aus ihr heraussprudelt – kann der Blick nicht mehr von ihr abgewendet werden. Besser noch, die Dose kommt mit und die bunte Farbe ist jetzt auch da.

Ja, es ist nur ein Leben von vielen, eine Erasmusbiographie, gelebt und vergessen, der Untergang wird unweigerlich für alle irgendwann kommen. Doch weil es nur dieses eine Leben gibt, jetzt und hier, heißt es wohl, die Chancen zu ergreifen. JA zu sagen. Fluss zu werden. Denken, fasten und warten. Der alte Hesse wieder.

Was also macht Europa aus? Was ist europäisch? Die Fragen stellen sich hier, nicht in der größten deutschen Metropole. Erste Eindrücke:
Die bronzene Septembersonne hinter dem Jardin des deux Rives, dem Garten der zwei Ufer. Das alles zermarternde Stampfen des Basses auf einem Freetekrave eine halbe Autostunde von der Stadt entfernt.

Ein besetztes Haus, überall musizierende Menschen. Mit Händen, Mündern, Beinen und allerlei Instrumenten erfüllen sie den Raum. Die Klänge verbinden, wo sich sonst sprachliche Gräben auftäten.

Was verbindet noch? Rausch natürlich. Im Rausch sind sich die Menschen näher, aber die Nähe ist nicht immer nur harmonisch. Jene von Ängsten getriebenen müssen sich mitunter Gehör verschaffen. Im Park der Petite France war die Stimmung dann harsch. Alles kann Auslöser sein, alles Grund zum Streit, dabei war der Anlass der Réunion doch ein freudiger. Aber auch das gehört dazu, ist Teil der Realität. Streit, Missgunst und Angst regieren da draußen.

Mir kommt alles vor wie schon hundertmal erlebt, aber es ist ein neuer Zauber, das Wohlgefühl im Magen ist ein anderes. Die Distanz fehlt. Ich schaue nicht nur zu, ich bin in der Welt und ich gehöre zu ihr. Ich verliere Schlüssel, lasse den Kopf auch mal zuhause, denke nicht an die anstehenden Projekte. Vertrauen regiert drinnen.

Ich bin mir noch unschlüssig darüber, in welcher Form ich Erlebnisse festhalten möchte. Mit welchem Medium, mit welcher Sprache, auf welcher Ebene. Einer Tatsache bin ich mir hingegen schlüssig: hier lerne ich, was es heißt, Gast der Sonne zu sein.

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