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This article was written on 11 Jan 2011, and is filled under out of time.

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An die Kartenspieler

Die Idee ist ganz einfach: Jegliche Art von Karte ist kein Modell der Wirklichkeit, kein Abbild, ihr nicht einmal ähnlich, viel mehr Übersetzung und Referenz. Bei jedem Übersetzungsschritt ausgehend von der Natur oder der räumlichen Idee einer Landschaft hin zur fertigen Karte, die in den Händen oder auf dem Bildschirm gehalten wird, erfolgen massenhaft Reduktionen, sprich bestimmte Eigenschaften wie die Lokalität müssen zugunsten anderer Eigenschaften wie zum Beispiel der Tragbarkeit oder “universellen” Lesbarkeit weichen. Die Landschaft wird fotografisch eingefangen, zweidimensional geplättet, ihrer Farbe und Struktur, ihres Geruches sowie ihrer Bodenbeschaffenheit beraubt und in unschuldige Vektoren eingedampft. Zu den Reduktionen gesellen sich gleichsam Amplifikationen, was bedeutet, dass Informationen in Form von Zeichen, Schraffierungen oder Markierungen, (ihrerseits selbst Referenz!) hinzugefügt werden. Wer kennt sie nicht, die Maßstäbe, Legenden oder Isohypsen auf etlichen Karten.

Einmal mit der Erdbeschleunigung ganz hinunter, danach wieder hoch, aber mit dem Ballon, der den eigenen Anstrich ermöglicht. Alles, was Karten uns präsentieren, ist lediglich Referenz. Die Isohypse referiert auf Höhenlagen, sie ist selbst keine. Höhenlagen sind selbst Referenz zur Dreidimensionalität der Landschaft. Warum sind Höhenlagen wichtig? Vor dem Hintergrund, dass jegliche Amplifikation konstruiert sei, wird schnell deutlich, dass alle sich eigene Referenzen schaffen können, welche dann zirkulieren.

Warum wird zum Beispiel nicht einmal eine interaktive Karte erstellt, welche  den Raum nicht in Abhängigkeit einer wie auch immer gearteten absoluten Entfernung, sondern aufgrund von der Fahrtdauer zu bestimmten Orten mit verschiedenen Verkehrsmitteln darstellt?

In einer Eingabemaske könnte eine Adresse/ein Bahnhof/ein öffentliches Gebäude eingegeben, woraufhin diese lokale Erscheinung auf einer ansonst “leeren” Karte zentriert auftaucht. Als einzige zwei weitere Bedienelemente fungieren ein Auswahlmenü über die Modalität der Fahrt (z.B. ÖPNV+Fuß, ÖPNV+Fahrrad, Fahrrad, Fuß). Anschließend könnte alles, was in gleich langer durchschnittlicher Fahrtzeit erreicht werden kann, auch in gleicher “Entfernung” angezeigt werden. Raum nicht absolut dargestellt, sondern durch die Dauer, in der wir ihn erfahren.

Aussehen könnte das ganze dann so (vielleicht aber auch in schön, das ist lediglich sehr vereinfacht):

Fahrtzeitkarte vom S-Bhf Baumschulenweg aus gesehen, 10 Min für S-Bahn und zu fuß

Fahrtzeitkarte vom S-Bhf Baumschulenweg aus gesehen, Erreichbarkeit von Orten in 10 Min für S-Bahn und zu fuß (geschätzt) Kartenmaterial: OpenStreetMap

Solche Karten könnten zum Beispiel bei der Wohnungs- oder der Suche nach Einkaufsmöglichkeiten hilfreich sein. Unbestritten werden derlei Karten ein verändertes Verhältnis zum Raum erzeugen, wenn Orte nicht aufgrund ihrer räumlichen Nähe, sondern aufgrund ihrer Erreichbarkeit als nah präsentiert werden. Also ihr Geoinformatiker da draußen, wäre das nichts für euch?

Lesetipp:
  • Latour, Bruno (2000) [1999]: Die Hoffnung der Pandora. Frankfurt/M., Suhrkamp.

2 Comments

  1. Jon
    12. January 2011

    obwohl der theoretische einleitungs teil nach kritik schreit, einmal etwas,
    das in den letzten tagen durch die kanäle kam:

    http://www.transiki.org/
    “Transiki is a wiki of transit data. Think a blend of google transit and openstreetmap.”

    eine nennung der kartenquelle und ihrer lizenzierung wäre übrigens nett, um nicht irgendwann einmal in der zukunft eine abmahnung zu erhalten.

  2. Alex
    12. January 2011

    Kritik, Kritik, wohin nur mit deiner Kritik? Die Modernen immer mit ihrer Kritik 😉 Hab die Bildunterschrift übrigens angepasst.

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