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This article was written on 22 Apr 2010, and is filled under out of time.

Weber 2.0

Nun stößt man ja hier und da auf Perlen der wissenschaftlichen Betrachtung unserer Welt,
besondere Freude bereitet jedoch ein jedes Mal, wenn ein über 100 Jahre altes Textsegment wie angegossen auf heutige gesellschaftliche Diagnosen passt – so geschehen bei Max Weber – oder nur von mir so interpretiert?

§ 3. Soziale „Beziehung“ soll ein seinem Sinngehalt nach aufeinander
gegenseitig eingestelltes und dadurch orientiertes Sichverhalten mehrerer heißen.
Die soziale Beziehung besteht also durchaus und ganz ausschließlich:
in der Chance, daß in einer (sinnhaft) angebbaren Art sozial gehandelt wird,
einerlei zunächst: worauf diese Chance beruht.
[Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, S. 34, Paderborn: Voltmedia]

Wie üblich bei Weber ist dies die allgemeinste aller Definition des Begriffs von der aus er spezielle Fälle durchdekliniert. Dennoch wird diese Definition immer passen – und jedes Wort unterzog sich dabei einem langen Reifungsprozess.

Bemerkenswert finde ich lediglich, dass in einer Zeit, in der von „postmoderner Beliebigkeit“ die Rede ist, von Austauschbarkeit und Flüchtigkeit der eingegangenen Beziehungen, von Web 2.0 und dem inflationären Gebrauch des Wortes Freund für Verbindungen, die dieses Prädikat mitunter (subjektiv) nicht verdienen, dass uns hier einer der Gründerväter der Soziologie den Weg weist, indem er die Chance, also die Möglichkeit sozialen Handelns überhaupt als Gradmesser einer sozialen Beziehung anlegt.
Eine soziale Beziehung kann demnach fast alles sein. Flüchtigst, auf Dauer gestellt, einmalig, einseitig, gegenseitig, loyal, feindselig – vor allem aber ist über die Qualität derselben freilich noch gar nichts gesagt, was wieder eine Frage des subjektiv gemeinten Sinns und der zugrunde liegenden Rationalität der Egos wäre.

Interessant ist das Anlegen einer Chance auf sinnhaft orientiertes Handeln zum Beispiel in der Interaktionsform des Chatroulette, bei dem wildfremde Menschen zufällig in einem Videochat aufeinander treffen, wobei die Interaktion wesentlich durch die jederzeit beidseitige Abbruchmöglichkeit bestimmt wird, was in der Praktik des „Nextens“ (F9) gipfelt. Hierbei ist also nicht die Chance, dass sinnhaft orientiert gehandelt wird, sondern vielmehr die Chance, dass niemand zum Handeln kommt, treibende Kraft und Grundlage der sozialen Beziehung.
Da das „Nexten“ wiederum durchaus soziales Handeln im Weberschen Sinne ist, ist selbst dieses Phänomen im eisernen Käfig Webers Theorie eingefangen.

Gleichsam bedeutet es für mich vor allem eines: ein wie von Weber eingeführter weiter Begriff sozialer Beziehungen ist Imstande, der digitalen Unsicherheit, die meines Erachtens immernoch vorherrschend ist, entgegenzutreten und uns dabei zu helfen, uns auch virtuell leichter auf „Fremde“ einzulassen.
Vielleicht sollten wir dann bei Facebook statt „Freunde hinzuzufügen“ lieber „soziale Beziehungen eingehen“.

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