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This article was written on 11 Sep 2010, and is filled under out of time.

Reise Reise

Ob durch Erzählungen, Fotos, Emails oder Blogs,
alle Sinne werden derzeit wieder mit Reiseberichten versorgt.
Eigentlich bräuchte niemand mehr verreisen,
irgendjemand war ja eh schon da.

Es ist wie mit einem Großevent: sobald das absolut Erwartbare passiert,
zücken alle ihre Digitalkameras, um das unermesslich persönliche Erlebnis festzuhalten.
Dabei bietet sich den individualisierten Massen das nahezu gleiche Bild dar – und
wann schaut man sich die Fotos schon wieder einmal an?
Hand aufs Herz: die Bilder von den Profis sehen meist eh besser aus.
Dass sich dieser Beitrag nun sowohl in den Reigen der medialen Verwurstung
des Reisens einreiht, als auch mit eigenen Fotos garniert daherkommt,
kann ja einfach als Widerspruch stehen bleiben.

Prolog: es treffen sich einige Jahrhunderte auf einem Klassentreffen.

Fragt das 18. das 19. Jahrhundert: “Sag’ mal, warum gab es bei euch trotz Industrialisierung,
Rationalisierung der Wissenschaft und technischem Fortschritt weiterhin soviel Armut?”
Daraufhin das 20. Jahrhundert: “Das Rad der Zeit dreht sich doch weiter – egal ob mensch
etwas lernt oder nicht. Wir halten uns immer noch für die Größten,
trotz den schier unglaublichen Verbrechen an Mensch und Planet. Größer als
die menschliche Dummheit scheint mir nur der Glaube an die eigene Vollkommenheit zu sein.”
Wirft das 21. Jahrhundert ein: “Ihr solltet euch mal reden hören,
glaubt ihr ernsthaft euch gäb’s nur einmal?”, woraufhin sich die
heiter-lineare Gesellschaft in einer Widerspruchswolke auflöste.
…und Die Moral von der Geschicht: die eine Sichtweise gibt es nicht.

Es soll ja gesund sein, mehrere kleine Mahlzeiten über den Tag verteilt zu essen.
Übertragen auf das Reisen hieße das also, mehrmals im Jahr
kleinere Nah- und Fernerkundungen durchzuführen – ein Selbstversuch.

Angefangen hat es Ende Februar mit einer Woche in den oberösterreichischen Alpen.
In Kirchschlag, einem Dorf mit Blick hinunter auf die Tore von Linz wurde ich herzlich
mit Schnee, Hund und unverständlichstem Bauerndialekt begrüßt. Es folgten Tage der Ruhe.
Lesen, im Schnee Spazieren, Dartspielen, Brot im Holzofen backen und
gemeinsam mit Greta Antiwitze dichten.

Ein Gedanke hat sich seither nachhaltig in meinem Köpfchen eingenistet und
auch der Prüfung eines sehr skeptischen Philosophen stand gehalten.
Zusammenfassen lässt er sich wie folgt:

Es gibt keine Natur im Sinne des unberührten Außen unserer Zivilisation.
Es kann diese Art Natur nicht geben, weil mensch sich einfach
bis in alle Winkel dieser Erde ausgebreitet hat. Zu fragen wäre,
ob es Natur überhaupt geben kann, solange Menschen
in der Nähe sind, oder: Wieviel Natur steckt noch in uns?

Selbst wenn wir uns also wieder einmal am Zwitschern der Vögel erfreuen oder
am Rauschen des Windes in den Baumwipfeln, selbst wenn diese Idylle
nicht von dem leisen Surren der tief im Tal liegenden Bundesstraße getrübt wird,
so sind doch vor allem wir Menschen unnatürlich. Ausgestattet mit
allem möglichen Schnickschnack, dabei nicht nur Technik.

Unsere Konzepte von Natur selbst sind doch von Kultur nur so durchtränkt.
Natürlich vermittelt ein Spaziergang im Wald ein naturnahes Erlebnis,
aber wehe, da fehlt ein Weg oder es taucht mal ein Schwein oder gar
ein Wolf auf. Auch die Kultur des Kurztrips selbst, von denen
hier berichtet wird, ist schließlich ziemlich unnatürlich.

Der nächste nennenswerte Ausbruch aus der Mutterstadt würde wohl
das Fusion-Festival gewesen sein. Eine Woche Ferienkommunismus
auf dem ehemaligen Militärflugplatz Lärz. Ich werde mich nicht scheuen,
die Worte der Veranstalter selbst wiederzukauen, denn besser könnte
ich es niemals beschreiben: die Fusion ist ein Marktplatz der Utopien.

Jede Gemeinschaft hat ihre Rituale, sie binden die sonst so schwer
einzufangende Zeit und betten das Geschehen in ein größeres Ganzes ein.
Fusion fungiert für viele als Silvester, es ist besser als das.
Doch bevor ich in Lobreden versinke sei noch eine Bemerkung
zur Örtlichkeit erlaubt. Ich finde es spannend, wie ein Gelände
hochgradig situativ mit Sinn ausgefüllt wird, gar einer eigenen Logik folgt und
so nur für einen abgegrenzten Zeitraum nachvollziehbar ist.
Die Fusion lebt ja wie eine eigene Stadt mit Straßen, Plätzen und Institutionen.
An die Kulturgeographen da draußen, erklärt uns das mal.

Mittlerweile ist es Ende Juli: Budapest calling. Auch der alljährliche Besuch
in der ungarischen Hauptstadt wird langsam zum Ritual.
Im nächsten Jahr könnte unter Umständen auch Ozora interessant werden.
Doch hat das Reisen nach Budapest einen fundamental anderen Charakter.
Es ist mehr, als würde man zu Freunden zum Beispiel nach Dresden fahren,
nur das man die Sprache nicht versteht. Vielleicht war es dieses Mal noch
auf eine andere Art besonders: Telearbeit veränderte das Urlaubsgefühl völlig.
Sitzt man jeden Tag fünf Stunden vor dem Rechner, um Internetrecherche
zu betreiben und hält nebenbei noch telefonische Absprachen mit dem Chef,
der seinerseits selbst in der Schweiz im “Urlaub” weilt, so kommt man nicht umhin,
die Welt für vollends verrückt und aus den Fugen zu halten. Das beste Essen,
was ich bisher gegessen habe, gab es übrigens im Napfenyes Etterem.
Die Fahrt mit dem Nachtzug ist auch immer wieder ein Erlebnis,
nach 21 Stunden konnte die Ankunft im Friesland vermerkt werden.

Nach einer weiteren Woche Arbeit folgte der zweite Happen
des Sommers, eine kleine knapp eineinhalbwöchige Tour
durch den äußersten Süden Deutschlands und nach Norditalien.

Zwischenspiel

Freiburg Waldgang Antispé
Sommer Sonne Bodensee.
Möwen Boote Jugendstil,
An der Mühle Wasserspiel.
Durch die Schweiz nach Omegna,
Multikulti war schon da.
So auch lecker Focaccia,
Lago d’Orta wunderbar.
Nacht in Zürich seltsam seltsam
Kreise schließen an der Dreisam.

In Freiburg wurde ich aufs herzlichste von Anna aufgenommen.
Auch die Vauban, als umweltfreundlicher Stadtteil auf altem
französischem Kasernengelände konzipiert und somit auch
Aushängeschild Freiburgs als “Green City” (u.A. auf der Expo 2010
in Shanghai) lebt durchaus von Widersprüchen.

So gibt es vorwiegend Niedrigenergie- und Passivhäuser, die höchste
Bioladendichte Deutschlands und der Stadtteil ist zudem
weitestgehend autofrei, wobei die Anwohner die kostspieligen Regelungen
zum Autobesitz mit allerhand Trickreichtum zu umgehen versuchen.
Auch Kinder sieht man außergewöhnlich viele in dem knapp 6000 Einwohner
fassenden Örtchen, das sich als relativ schmaler Streifen entlang der
Vauban-Allee darbietet. Obwohl die meisten Häuser nur zwei bis drei
Stockwerke hoch sind hat die Vauban eine großstadttypische Einwohnerdichte.

Positiv in Erinnerung geblieben sind mir sowohl die Freundlichkeit, Offenheit und
scheinbare Ausgeglichenheit der Bewohner und auch die vor fast jedem Haus
selbstverständlich zu findende “Zu Verschenken”-Kiste hat überzeugt.
Doch bleiben auch zwei Wermutstropfen. Zum einen sind Townhouses nun wirklich Geschmackssache,
ich verstehe einfach nicht, warum man nicht hätte auch einen anderen Haustyp wählen können.
Zum Anderen – und das wiegt sicher weitaus schwerer – müssen die Bewohner viel Geld haben,
um sich das Wohnen dort leisten zu können. So bleibt ein fader Beigeschmack,
denn die tollsten Ideen sind nach wie vor in ihrer Realisierung nicht für alle da.
Immerhin stehen noch ein paar alte Kasernen, welche nach Abzug der französischen Truppen besetzt wurden.
Susi ist heute nach wie vor eine Institution und auch die Wagenburg,
die vor dem Umbau des Viertels das Straßenbild maßgeblich prägte, konnte dort integriert werden.
Mit diesen Eindrücken, einer Nacht auf Susi und einer fünfstündigen Wanderung auf und
um den Schönberg fiel es mir zwar schwer, mich zu verabschieden, doch
freute ich mich auch auf ein Wiedersehen mit meiner Cousine Conny.

In Ravensburg und Konstanz dann wurde es zum ersten Mal offensichtlich:
die Zeit reichte bei Weitem nicht aus. Auch bei Conny fühlte ich mich sehr wohl.
So wohl, dass ich die frisch renovierte Küche erst einmal gehörig einsauen musste.
Geschmeckt hat es wohl trotzdem. Trost bei aller Zeitknappheit bietet immerhin
das Vorhaben, wiederzukommen. Beim nächsten Mal müssen wir in Ravensburg erkunden,
ob die ansässige Spielefirma zb auch fehlerhafte Puzzles günstiger verkauft.
Festzuhalten bleibt weiterhin, dass es Club Mate auch im Süden gibt,
auch wenn man zum Teil lange suchen muss. Zu Konstanz lässt sich nur sagen:
Wer den Bodensee hat, braucht kein Meer mehr und an der Schmugglerbucht
lässt sich ein Sonnentag ganz vorzüglich verbringen.

Das etwas andere Familientreffen mit Tante und Cousinen war sehr erquickend und
kann beizeiten gerne wiederholt werden – vielleicht auch in anderem Rahmen,
an anderem Ort? Am letzten Abend meines dortigen Aufenthaltes schlief ich bei
Fabi (Connys Freund) in einer alten Wassermühle. Fabi brachte mich auch
in die Schweiz nach Kreuzlingen, von wo aus der andere Teil der Tour startete.

Die zu stellende Frage lautete, ob es an einem Tag zu schaffen ist,
vom Bodensee aus ins norditalienische Omegna zu trampen.
So kaufte ich mir eine Straßenkarte der Schweiz und stieg
danach direkt ins erste Auto ein. Zwar “nur” bis Winterthur und
eigentlich in die falsche Richtung, aber für die Trampermoral
ist ein guter Start nicht zu verachten. Der etwa 30-jährige Fahrer,
der gerade wieder neu zur Schule ging und erstaunliches Fußballwissen
besaß – waren ihm die Fans des 1. FC Union wohlbekannt – echauffierte
sich vor allem über die Finanzpolitik im Zuge der Wirtschaftskrise.
Äußerst kurzweilig.

In Winterthur an einsamer kleiner Tankstelle verabschiedet, machte ich mir
zunächst etwas Sorgen, denn es wollte einfach kein Auto zum Tanken halten.
Es sei bemerkt, dass es sich beim Trampen aus verschiedenen Gründen
empfielt, sich nicht mit ausgestrecktem Daumen an die Straße zu stellen,
sondern an Tank- und Raststätten quasi auf Fahrtenfang zu gehen.
Für einen Fahrer ist es sehr viel leichter, bei Nichtinteresse weiterzufahren,
als angesprochen auf die mögliche kleine Hilfe zu verneinen.
Einige denken sich aberwitzige Gründe aus, warum sie einen
nicht mitnehmen dürften, zum Beispiel weil sie mit einem Firmenwagen führen.
In diesen Fällen wünsche ich natürlich stets freundlich eine gute Fahrt,
vielleicht erbarmen sie sich ja bei der nächsten Gelegenheit.

Nach etwa fünfzehn Minuten allerdings war es geschehen.
Die ganze Szenerie versetzte mich sofort in einen entrückten Glawogger-Film.
Der alte grau melierte Opel Kadett mit deutschem Kennzeichen passte
zu gut zur noch funktionierenden, aber verlassenen Tankstellenruine.
Vom Beifahrersitz erhob sich ein Dandy, stilvoll frisiert und gekleidet,
natürlich mit Sonnenbrille und etwas unnahbar wirkend.
Er war als Arzt in die Schweiz gegangen und besuchte seine Freundin in Neuchâtel.
Der Fahrer hingegen kam mit blassbrauner Cordhose, ähnlichfarbigem T-Shirt,
unrasiert und mit etwa schulterlang verwuschelten Haaren daher.
Jener hielt sich irgendwie als Künstler und mit Workshops in der BRD über Wasser.
Beide kannten sich von früher. Nun wäre es mir normalerweise nicht wichtig gewesen,
auf Äußerlichkeiten hinzuweisen, doch war es hier wie bei jedem
gut harmonierenden Duo: von außen betrachtet wirkten sie äußerst unterschiedlich.
Die Fahrt sprühte dann nur so vor Witz und Ironie. Gerne wäre ich nach Neuchâtel mitgefahren,
ich bin mir sicher, dort noch einiges Unerwartetes erlebt haben zu können.
Die musikalische Untermalung lieferte übrigens eine
Hitparadenkassete aus den Sechzigerjahren – Lambada olé!

Hinter Zürich habe ich am Klo einer Raststätte während und
nach dem Geschäft etwa drei Personen gefragt, bevor ich
von einem Musikinstrumentenhändler mitgenommen wurde.
Er war für den Vertrieb von sehr teuren Blasinstrumenten zuständig.
Während wir in seinem Firmenwagen am Vierwaldstätter See und
dem Rütli vorbeifuhren, die einmalige Landschaft des Kantons Uri
in uns aufsaugend (insofern das mit dem Auto möglich ist),
handelte das sehr angeregte Gespräch abermals von Widersprüchen.
Wie kann ich meine Liebe zur Natur damit vereinbaren,
jeden Tag etwa 300km mit dem Auto unterwegs zu sein?
Diese und andere Fragen werden natürlich sehr individuell beantwortet.
Das Stellen allein aber kann schon viel ausmachen.
Dankenswerterweise wurde ich trotz zuhause wartender Familie noch
bis zur Gotthardraststätte mitgenommen.

Dort gestaltete es sich schwieriger, einen Lift zu bekommen,
nach etwa einer halben Stunde allerdings fuhr ich mit einem
Pforzheimer mit. Mir war vorher klar, dass wir nicht viel reden würden.
Die Trancemusik dröhnte und für den Fahrer gestaltete sich die Welt wie folgt:
in Deutschland ist alles ordentlich, vernünftig, geregelt und logisch.
Im Ausland dagegen kann es ja nur an der Mentalität
“des Schweizers” oder “des Italieners” liegen, wenn Dinge unverständlich erscheinen.
Die Reiseform des Trampens gewählt, muss der Reisende eine gewisse Genügsamkeit
an den Tag legen, man kann sich die Fahrenden gewiss nicht immer aussuchen.
Wenn mir also eine Fahrt bis an den Lago Maggiore, bereits
Italien und nur 20km von meinem Zielort entfernt ermöglicht wird,
kann ich nicht wählerisch sein. Ein Schmankerl auf dem Weg gab es dennoch,
so war der Fahrer leidenschaftlicher Geocacher und
er hatte sich einige Caches auf dem Weg notiert,
von denen wir einen gemeinsam suchten. Immerhin.

Auch war ich nicht böse, als wir die Einfahrt hoch in die Berge verpassten,
an der ich hätte aussteigen sollen und wir so noch ein paar Kilometer weiter
am Ufer entlang fahren mussten, weil man wirklich nirgendwo anhalten konnte.
Endlich einen Haltepunkt gefunden, stieg ich wieder direkt in eine
holländische Familienkutsche um. Das Ehepaar war seit zehn Jahren verheiratet und
nach ihrem entsprechendem Parisaufenthalt nun im Familienurlaub.
Die kleine Tochter auf dem Rücksitz begutachtete mich mit einer Mischung aus
Verwunderung und Desinteresse. Als sie endlich ein Hotel gefunden hatten, brachten
sie mich noch ins Zentrum von Verbania, von wo aus mich ein Bus nach Omegna bringen sollte.
Auf den Bus wartete ich länger als auf jeden anderen Lift an diesem Tag und
so erreichte ich das Ziel nach etwa sechs Stunden bei einsetzender Dämmerung.
Blöd war nur, dass sich bei Birgits Nummer eine estische Telefonansage meldete.
Weder wusste ich, ob sie meine Nachrichten erhalten hatte, noch ob sie im Ort war.
Doch mit der Gewissheit, dass sich solche Situationen immer irgendwie aufklären,
wartete ich kurz ab, bevor ich mich entschied, zunächst richtige italienische Pasta zu essen.
Zwar war in Omegna gerade das […] , Touristen waren aber kaum welche unterwegs.
Italienisch dominierte auf dem Kirchplatz. Ach dachte ich, einen Versuch ist es ja Wert,
woraufhin ich einen Schlagzeuger nach dem Soundcheck für den Festivalauftritt um Hilfe bat.
Bevor ich ihm erklären konnte, was ich genau brauchte, hakte er schon ein.
Woher meine Freundin denn komme. Aus Estland. Ein Grinsen machte in seinem Gesicht platz.
Er rief einen Freund an, der gerade in Birgits Wohnung saß. Sofort sprachen wir miteinander,
keine fünf Minuten später stand sie vor mir und konnte es nicht glauben, dass
ich tatsächlich in diese Kleinstadt gekommen war.
Natürlich hatte ich genau jemanden aus der Band angesprochen,
die Birgit während ihres dreimonatigen Italienaufenthalts schon neunmal gesehen hatte.
Telefonisch hätte ich sie auch gar nicht erreichen können, hatte
ich mir doch ihre italienische Nummer nicht eingespeichert – mein Fehler.

Die folgenden Tage waren fabelhaft. Zu meinen drei Worten italienisch
gesellten sich noch weitere fünf, an einem Abend (die Mädels waren
auf einer Hochzeit eingeladen) war ich ausschließlich in frankophoner Gesellschaft.
Mit Birgit auf einen Hügel gewandert genossen wir eine beeindruckende Aussicht.
Wir fühlten uns wie in Irland, Schottland, Neuseeland. Bella Italia!

Die Badehose konnte neben dem Bodensee nun auch den Lago d’Orta erschwimmen.
Seither versuche ich außerdem, die unübertroffen leckere Focaccia
aus der kleinen Familienbäckerei zu imitieren.
Birgit schenkte mir außerdem noch Hermann Hesses “Narziss und Goldmund”,
welches ich schon dort verschlang. Kein Wunder, handelt es
doch von dem größtenteils landfahrenden Goldmund.

Schweren Herzens und einige Lachfalten reicher
machte ich mich also auf den Weg zurück.
Bevor ich ticketgebunden abermals Freiburg erreichen wollte,
um dort wieder in den ICE gen Berlin zu steigen,
war mir Zürich noch einen Abstecher für eine Nacht wert.
Auf dem Weg dorthin nahm mich zunächst ein Ravensburger Chemiker mit.
Wir debattierten lange Zeit über die Differenzen zwischen Natur- und
Geisteswissenschaften. Immer diese Differenzen!
Einmal umsteigen musste ich dennoch, und an der
Raststätte Heidiland war es nicht leicht, denn Regen
steigert die Chancen für einen Tramper nicht gerade.

Am Ende fragte ich blindlinks alle. Etwas überrascht war ich schon,
dass mich der Anzugträger in chinesischer Gesellschaft mitnahm.
So ein großes Auto wie die Cadillac-Limousine habe ich
noch nie von innen sehen dürfen. Der Patentsrechtsanwalt und
der chinesische Doktor der Biotechnologie schoben sich
die Millionen nur so hin und her, ich schwieg die meiste Zeit.
Zu meiner Beruhigung lief entweder Frank Sinatra oder Klassik.
Dazu prasselte es alle Nase lang Beschreibungen á la:
“Das Modernste…”, “das Größte” oder dergleichen Superlative mehr.
Wohl wissend, wie historisch irrelevant solche Aussprüche angesichts
der sich nährenden Supermacht aus Fernost einmal sein würden.
Als der Doktor nach Hause gebracht war und wir noch einige Kilometer
nach Zürich vor uns hatten, durfte ich nach vorne kommen.
Tausend Fragen hatten sich angesammelt, nicht alle konnte ich stellen,
aber am Ende blieb der Eindruck, dass der Fahrer versuchte
ein sehr frommer und barmherziger Mensch zu sein.
Die Verbindung zu seinem wirtschaftlichem Erfolg,
der ja vor allem auf Konkurrenz und Wettbewerb beruhte,
erschloss sich mir nicht gänzlich, aber vielleicht sollte ich mir
zuerst die von ihm empfohlenen Bücher durchlesen.
In Zürich angekommen habe ich auch dort sehr gut gegessen.
Auch dort würde ich wieder hinfahren.

Zwei letzte Erlebnisse gibt es noch zu schildern,
die mir die Ankunft in Deutschland mehr oder weniger versüßten.
Zunächst war da der Mann im ICE-Abteil. Alle Mitfahrenden lasen,
es herrschte eine ruhige, angenehme Atmosphäre.
Der ergraute und bebrillte Mann wirkte auch freundlich.
Durfte sich mein Bild von ihm ändern, als ich erkannte,
dass er das Buch eines gewissen Thilo Sarrazin las?
Nein, wiegelte ich mich selbst ab, der liest das ja nur
um richtig mitreden zu können, dachte ich.
Als er und seine Frau in Frankfurt ausstiegen, bat ich:
“Aber bitte nehmen Sie das, was Herr Sarrazin da schreibt
nicht zu Ernst.”, woraufhin mir entgegnet wurde: “Wieso?
Ich finde der Mann hat doch Recht mit dem, was er schreibt…”
Zum Glück war er da schon fast draußen, so dass das Ende
des Satzes nur dumpf nachhallte.

Im Berliner Ostbahnhof angekommen stieg letztlich ein Paar
mittleren Alters aus dem Zug aus. Nach einem ersten Orientierungsversuch
fanden sie einen Fahrkartenautomaten der S-Bahn.
Über verschiedene Preise diskutierend meinte sie nach einiger Zeit:
“2,10 €. Ganz schön teuer. Früher hat das mal 20 Pfennig gekostet.”
Er: “Ja, das stimmt, aber lieber zahle ich 2,10 € für’s Ticket,
als das System für 20 Pfennig zu haben.”

Was bei dieser Art Reisen bleibt sind größtenteils flüchtige Eindrücke,
die – wenn hier nicht niedergeschrieben – größtenteils bald wieder
Platz für neue flüchtige Eindrücke machen würden.

Jedes kleine Reisehäppchen sorgt aber auch wieder für etwas mehr Ruhe zuhause.
Auch wirken fast alle Vorstellungen in der Ferne ganz anders,
sodass sich meist einerseits die Gedanken etwas ordnen können,
andererseits neue Ideen ihren Platz finden. Diesen Effekt
konnte ich auch bei einwöchigen Fahrten desöfteren beobachten.
So bin ich dann auch gespannt, wie das dritte Häppchen des Sommers,
eineinhalb Wochen Island ab der letzten Septemberwoche,
sich auf das Gemüt auswirken werden.

Aber ein richtig feist-mästendes großes
Festessen wär schießlich auch mal wieder was.

4 Comments

  1. Laura
    12. September 2010

    Mir dämmert, dass du in den letzten Monaten wesentlich mehr unterwegs warst als ich. Reisen auf Raten – wofür sonst leben wir in Europa?
    Schöne Eindrücke. Nur beim nächsten Mal vielleicht lieber ohne die – wenn auch polemisch gemeinte- “gelbe” Bezeichnung Chinas; sonst begegnen Sarrazin-Leser in Zügen in Zukunft wahrscheinlich keinerlei Unverständnis mehr.

  2. Alex
    12. September 2010

    Danke für den Hinweis @Laura, ich habe die benannte Polemik mal etwas zurückgefahren. Obwohl ich nicht finde, dass in diesem Bezug Vergleiche angestellt werden müssen, aber du kommst doch sehr weit rum dieser Tage. Bis bald in Lille!

  3. Jon
    21. September 2010

    hach, ich hab’s immer noch nicht gelesen

    will ja auch mit der gebührenden aufmerksamkeit geschehen.
    aber bald!

    so wie alles andere.

  4. Jon
    30. January 2011

    ent-linearisierte zeit und ich komme zum lesen.
    der physische ortswechsel als vehikel gewohnt routinierten gedankenbahnen neue wendungen einzuverleiben. dabei einem aufflackern der eigenen inspiration lauschend, seine eigenen angenommenen möglichkeiten verwerfend.

    wenn doch nicht die gewohnte umgebung einen alsbald wieder erinnern lassen würde…

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