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This article was written on 06 Aug 2010, and is filled under out of time.

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Moskau

Kaum laufen wir durch die Straßen der Stadt, sind noch nicht einmal im Hostel angekommen, dröhnt aus einem unverschämt großen Motorrad die Melodie Dschingis-Khans.

Sind wir nicht auf dem Weg in die Mongolei?

Der Himmel über Moskau während der Wald- und Torfbrände

Erst einmal bereiten sich uns andere Sorgen, wie die aktuelle Medienberichterstattung vielleicht erwarten lässt:

Die Stadt ist in Rauch gehüllt. Nicht wirklich sichtbar, doch am näher liegenden Horizont bemerkbar, liegt bei unserer Anreise eine schwere Luft auf der Stadt. Heute, unserem zweiten Tag, war die Luft umso dicker, sodass es in den Augen brannte. Dass wir am Ende noch einmal die Sonne zu Gesicht bekamen, erschien eher wie ein Wunder. Über der Rauchwolke schien sie ja die ganze Zeit.

Millionen Menschen tümmeln sich in ständiger Bewegung, ob Tag oder Nacht, durch diese Stadt und halten aus – halten die Situation aus, halten das Wetter aus, halten sich aus. Millionen von Menschen leben in Moskau, dieser zutiefst menschlichen Stadt, und doch, neben allem bekannten, der Freundlichkeit, den Touristenfallen und Shopping Malls, gibt es doch etwas, das anders zu sein scheint.

Dann ist eine Straße eben mal gesperrt und die Fußgänger freut’s – in der Mitte stehend ein leerer Bus um den sich keiner kümmert mit geöffnetem Motor, dann fahren für eine halbe Stunde eben nur SUVs beinahe deine Zehen ab und an dir vorbei, dann ist eine Frau auf der Straße verlockender als die andere – Präsentation ist schließlich alles.

Aber auch die schönen Momente der Improvisation: Stromausfall im Hostel? Dann werden eben massig Taschenlampen eingekauft, per Hand zusammengebastelt und verteilt. Die Polizei mag nicht, dass du auf der Straße sitzt und Bier trinkst? Dann wird an Stelle der Verwarnung eben nur “Go! Go!” müde aus dem Auto gewunken und die Kiste ist wieder weg. Du willst kostenlos Metro fahren? Geh’ durch die Stationsausgangstüren, mit einem durchgestrichenen Männchen gekennzeichnet, gehe an den Grenzzaun zwischen Ein- und Auslass, warte auf eine große Menschenmasse und schlüpfe von den allgegenwärtigen Sicherheitskräften unerkannt durch das grobe Gitter.

Wenigstens mussten wir uns über den Atemschutz keine Gedanken machen, da die Aussage der Feuerwehr dazu war, dass nur wirklich professionelle Atemmasken dazu in der Lage wären, die giftigen Dämpfe und nicht nur den Ruß aus der Luft zu filtern. Also heißt es so schnell wie möglich die Stadt zu verlassen.

Leider war es dieser Tage bei ungefähr 40°C so unerträglich heiß, dass jeder kleine Windstoß zu einem inneren Ausflug in die Sauna wurde: Die Schweißbäche zu zählen würde keine Wirkung zeigen. Wir sind alle verloren. Und nicht nur solche Gedanken. Die Hitze und das ständige Trinken, dein Wasser mehr nur eine salzige Plörre, deine Zuflucht die Bewegung durch die Stadt, das Nötigste zu erledigen. Dabei die Luft so heftig, dass selbst in der schon kühleren Straßenunterführung der Teer beginnt zu schmelzen und dir auf die Schulter tropft.

Da die TransSib normalerweise ausgebucht ist und sich im Vorfeld schon ankündigte, dass wir kaum im selben Abteil fahren würden, waren wir heute umso mehr überrascht, dass es noch einige Tickets und bis Novosibirsk (50h Zugfahrt!) sogar ein Abteil für uns geben würde. Vor den Augen der wartenden Bevölkerung mal glatt ein paar zehntausende Rubel über den Schalter wandern gelassen und schon waren wir in Besitz von 8 Tickets, die uns letztlich bis nach Irkutsk bringen sollen.

Ob und wie wir es erreichen, steht auf einem anderen Blatt. In Erinnerung bleibt Moskau als Stadt der extremen Gegensätze, als Ort der äußersten Nähe zwischen Arm und Reich, als Verdichtung des menschlichen Schicksals und allen Banalitäten.

Liebe Grüße aus Moskau,

Jon

4 Comments

  1. alex
    6. August 2010

    Sehr schöner Text Jon,
    deine Geschichten erschaffen hier oben in Friesland in jedem Fall eine Art Wirklichkeit.
    Nur woher du die Zeit nimmst, so viel zu schreiben?
    eine gute Fahrt ins Abenteuer wünscht
    alex

  2. Jon
    7. August 2010

    Ja das ist sone Sache, ne?

    Draußen ist halt Smog, hier im Hostel gibts ne Klimaanlage. Und da draußen so scheiße ist, und wir sogar überlegen, den Kreml fallen zu lassen, gibts gleich den nächsten Artikel mit mehr Informationen.

    Grüße aus Moskau,

    Jon

  3. Paul
    7. August 2010

    Moin, noch von der Küste…

    Auf dem Weg in die Berliner Abendluft verlasse ich nun Rostock (wiedereinmal) und lasse den menschenüberfüllten Hafen der Hansesail hinter mir…

    Zum Dschingis Khan wurde gestern auch getanzt… Russland ist ein schönes Land…

    HAHAHAHAHA

    zugige Grüße nach Elsterwerda (elsewhere) in der Welt

    Paul

  4. jon
    7. August 2010

    ja, wir hatten uns ja auch überlegt, zu singen, denn zu dschingis khan gehört unvermeidlich moskau,
    doch wussten wir nicht, wie die lokale bevölkerung bei unserem kauderwelsch reagieren würde,
    wenn sie nur “MOSKAU MOSKAU” verstünde und dann “HA HA HA HA HA”…

    deswegen lieber in gedanken gelacht und uns amüsiert.

    die anderen drei sind gerade für die erste transsibteilstrecke morgen shoppen. dann erstmal zwei tage zug.

    huh!

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