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This article was written on 04 Jan 2010, and is filled under out of time.

Die Cyberdusche – Fortschritt als Projektion.

Wir schreiben das Jahr 2051.

An einem lauen Frühlingsmorgen gehst du auf der Suche nach dem richtigen Kick-Off als erstes – wie jeden Tag – in die Dusche.

Jedoch hat sie sich, wie fast alles in der Welt, in den letzten Jahren sehr gewandelt und kann bis auf den metallisch-schimmernden Zylinder, der zumindest an einen Duschkopf erinnern könnte, sehr weit von dem entfernt, was früher gemeinhin unter einer Dusche verstanden wurde.

Wasser strömt schon lange nicht mehr über deinen Körper. Seit Medien, Politik und die Verbraucher selbst sich davon überzeugen lassen konnten, dass dieser wertvolle Rohstoff nicht nur knapp, sondern auch äußerst ungerecht verteilt sei, fiel es nicht mehr schwer, die Nanopartikelduschen flächendeckend einzuführen. Dass sich mit Ihnen noch viel mehr Geld verdienen ließe, war sowieso klar.

Aber dich stört das Fehlen des Wassers nicht, so lange die Reinigungspartikel sich auf der Haut nicht nur wie Wasser anfühlen, sondern dazu auch noch in allen möglichen Farben glitzern, Gerüche produzieren und schmecken können.
Ein Schelm, wer denkt, all jenes sei kostenlos.

Doch die Dusche kann noch mehr. Sie kann dich anziehen. Besser gesagt, die Nanopartikel sind in der Lage, sich in allen erdenklichen Formen, Farben und Mustern über deinen Körper zu legen und sich dir wie eine zweite Haut anzuschmiegen.

Erdenklich ist dabei eine ziemlich gute Beschreibung, denn du musst nur an dein Outfit für den lauen Frühlingstag denken, die Dusche erledigt über das Auslesen deiner Hirnströme dann den Rest.

Du findest diese Vorstellung zauberhaft? 
Stimmt. Spart morgens ja auch viel Zeit.
Außerdem reden wir von Hygiene, die Spaß macht – Sanitainment also!

Oder denkst du eher – das alles ist Quatsch?
Es geht doch nichts über eine „natürliche“ Dusche mit echtem Wasser?
Nicht nur, dass man sich an dieser Stelle fragen sollte, was daran „natürlich“ sei,
täglich 38-Grad-heißes Wasser aus der Leitung über seinen müden Körper zu gießen, sich sodann mit Unmengen an aromatisierten Tensiden zu beschmieren und dann noch die ein- oder andere Nuance Deodorant oder Eau de Toilette hinzuzufügen, nein, die Ausmaße einer möglichen Diskussion sind weitreichender.

Die Menschen werden sich die Dusche schon nicht wegnehmen lassen.

Nennt mich pessimistisch, aber Menschen fressen alles, wenn sie davon überzeugt sind.
Wenn die jeweils herrschenden Wertevorgaben es angesagt oder chic erscheinen lassen (Stichwort Apple iShower), ist das Spiel noch einfach zu gewinnen, es geht aber auch profaner: Es wurde oben schon skizziert, aber Wasser könnte nicht nur als prähistorisch, sondern vor allem als umweltschädlich gebrandmarkt werden, so viel, wie wir davon verbrauchen. Vielleicht setzt sich ja auch irgendwann der Gedanke durch, dass wir in den wetslich-industrialisierten Gesellschaften als gute Vorbilder voranzuschreiten haben. Verzicht durch High-Tech.

Noch nicht überzeugt? Du willst immernoch deine alte Dusche behalten?
Ja, sicherlich wird das gehen. Sicherlich wird es auch den „Club der heimlichen Duscher“ geben. Aber Leute, macht euch nichts vor: früher oder später wird man sich den stylischen Nanoanzügen nicht mehr entziehen können, und spätestens dann werden alle Gegenbewegungen marginalisiert und kriegen einen äußerst lächerlichen Stempel.

Immerimmernoch nicht überzeugt?
Dann versuch dir mal vorzustellen, jemand hätte deiner Oma vor 50 Jahren erzählt,
sie würde in 60 Jahren europaweit keine Glühbirne mehr kaufen können.
„Aber das ist doch etwas völlig anderes.“ Genau.

5 Comments

  1. HARRY
    5. Januar 2010

    Emdlich!
    Endlich hätten wir einen triftigen Grund Gatorade als Pflanzendünger zu benutzen.
    Endlich!
    Endlich brauchen wir auch nicht mehr selbst Hand anzulegen, das macht ja die Dusche schon von ganz allein wegen der Hirnströme… reale Beziehungen adé.
    Endlich!
    Endlich (N)Om(/n)a sagen, dass ich mich jetzt sogar stündlich dusche.
    Endlich!
    Endlich ist auch mal gut. Endlich

  2. Jon
    8. Januar 2010

    Bitte beachtet semantisch inheränte, diskursiv normative Bedeutungen von:

    * „Kick-Off“ – der Start in den Tag (Sportmetapher // Wettkampf)
    * „jdn. überzeugen“
    * „Spaß“ -> „Sanitainment“ (Das Leben soll „Spaß“ bereiten.)
    * „natürliche Dusche“ „echtes Wasser“ und unbedingtes muss („und dann noch die ein- oder andere Nuance“ – Verniedlichung als Verstärkung wirkend, besser aber man nehme mehr – die eine kleine Dosis gerät ja schnell aus dem Rennen im Kampf der Oders – und diese andere ist unabgeschlossen quantitativ offen) „Deodorant“ „Eau de Toilette“
    * „Nennt mich pessimistisch, aber Menschen fressen alles, wenn sie davon überzeugt sind.“
    – Menschen fressen nur, wenn man ihnen etwas zum Fraß vorwirft. Erhalten sie ein wahres Gericht, werden sie auch diesem ihre Attitüde anpassen.
    * das Spiel um herrschende Wertevorgaben(?) gewinnen
    * Der Vergleich mit einer noch nicht eingetretenen Zukunft (Fadenglühbirnen) als Folge gegenwärtig stattfindender legislativer und exekutiver Narrationsdiskurse ist wahrlich apologetisch. Sind nicht auch noch 13,6 Mrd. DEM im Umlauf? Herrschaftlich erwünschtes Narrativ im Kontrast zur Empirie.

    Eigentlich wollte ich dies kommentarlos stehen lassen, um euch auf Nachfrage anzubieten, die einzelnen Punkte noch einmal näher zu beleuchten. Der vorletzte Punkt hat mich dann aber doch etwas angestachelt.

    # in kurz: „Die herrschende Sprache ist zumeist die Sprache der Herrschenden.“ Tucholsky

    Will heißen: Das Metanarrativ „Gesellschaft“ behält nur so lange seine Wirkung, so lange du dich davon beherrschen lässt. Hier nun der Link zum Überzeugen: eine Meinung, konträr einer anderen Formuliert, mit dem Ziel, diese zu ersetzen. Herrschaft wird oktroyiert (von oben). Überzeugung ist ein Kraftakt („über“); _gegen_ einen anderen Standpunkt und versucht mit Argumenten glaubhaft darzustellen, die einzunehmende Position sei der zu verlassenen qualitativ _höher_wertig.

    You get the point?

    Cryptic messages f(r)o(r)m cryptic people.

    PS: Narrative deren grammatische oder symbolische Inhalte wir nicht reproduzieren wollen, sollten wir in unseren Diskursen gar nicht erst erwähnen.
    Grammatisch deshalb, da „Herrschaft“ eine Grammatik des Alltagshandelns ist und diesen u.a. über verwendete Begriffe, damit Denkhaltungen, wie „überzeugen“, reproduziert.
    Symbolisch deshalb, da die verwendeten Begriffe stets auf Metaphern basieren, die schon für sich selbst sprechen. Bsp.: Des Gender-Diskurses Haltung zum Herr-schaftsbegriff. Kick-off als Vorschlag mit sich selbst am Morgen umzugehen wie es niemand sonst tun würde: unfreundlich. Und darin sind wir Meister: Wir kennen uns selbst am besten und wissen zutiefst, was uns verletzt.
    Somit habe ich selbst soeben auch einen Schritt dahin getan, die von mir dargestellte Position durch Abgrenzung aufzuzeigen. Verdammt, wo versteckt sich die Indifferenz in abendländischen Sprachen?

  3. alex
    10. Januar 2010

    Es kann nicht darum gehen, dass Spiel der Wertevorgaben zu gewinnen.
    Es ist nur der Hinweis, zu beobachten, wie sich diese Wertevorgaben entwickeln.

    Noch ein Hinweis zur Normativität: Der Text ist normativ, klar.
    Aber in seiner Ironie verschwimmen richtig und falsch, werden Werte gleichsam dekonstruiert, sodass das Einnehmen einer Position auf die Seite der Rezeptientin verlagert wird.

    Ist das nicht Indifferenz?

  4. Jon
    15. Januar 2010

    mir gefällt nur der ton nicht.

    unter beachtung, wer was sagt.

    und du sprichst mir hier einfach zu oft vom überzeugen, auch im alltag schon, als dass ich dazu verleitet werden könnte, du wolltest menschen überzeugen…nur wovon?

  5. pitfisch
    21. Mai 2010

    Das ist genau der Kern des Gedankens, in dem wir uns gleichen.
    Dir erscheint es, als ginge es mir ums Überzeugen und es gefällt dir nicht.
    Überzeugung ist dabei unzweifelhaft ein individueller Prozess. Ein Ausloten in einem Selbst.
    So – und da werde ich oft missverstanden – was ich wiederum in Kauf nehme – wird jeder Versuch jemanden zu überzeugen karrikiert, in dem der Kampf um die Überzeugung Medium und Form zugleich ist.
    Es kann mir doch nicht darum gehen, jemanden von etwas zu überzeugen, sondern jemanden in einer Unzufriedenheit zu hinterlassen, „überzeugt werden zu wollen“.
    Ein Unbehagen, an dessen Ende vielleicht mündige Subjekte stehen.

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