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This article was written on 20 Mai 2010, and is filled under out of time.

Der Immer-Online-Mensch

Sprechen wir von einer Gruppe von Menschen, die es in der Öffentlichkeit häufiger zu beobachten gibt.
Die, die einfach busy sind. Die, die die während der gesamten S-Bahn-Fahrt telefonieren.
Die, die immer ihren Werkzeugen zugeschaltet sind.

Denen Arbeit oder Aktivität wichtiger ist als Passivität oder Kontemplation.
Agieren statt zu unterlassen.

_Gibt es einen Zwang zur Aktion?

Geht es gar nicht um persönliche Präferenzen, sondern um Folgeerscheinungen der Technik?
Zwingt das Internet uns, es zu benutzen, in dem sein Vorhandensein und die wachsende Teilnahme daran eine sich selbst verstärkende Struktur schaffen, welche neue Angebote generiert, weitere Motivationen der Benutzung seiner selber in sich trägt und dadurch die Handlungsalternativen der Nicht-Benutzung einschränkt?
Das ist wie beim Auto, beim Handy oder beim Geld.
Mit dem Auto kann ich mehr Wege erschließen als mit dem Fahrrad oder zu fuß. Weil ich das kann und es so bequem ist, werde ich mit dem Auto irgendwann auch Strecken zurücklegen, die ich mit dem Fahrrad fahren könnte oder üblicherweise mit dem Fahrrad gefahren bin. Bis die Gewöhnung an die Nutzung des Autos und seiner Praktikabilität dafür sorgt, dass ich kaum mehr Strecken ohne das Auto zurücklege – sobald ich eines besitze.

Im weitesten Sinne wird dies durch die Dualität der Technik (:spricht Orlikowski) konzeptionalisiert, welche diese ermöglichenden und beschränkenden Wirkungen der Technik zu beschreiben versucht.
Darüberhinaus wird auch der Kniff geleistet, welcher eine Komplexitätsschicht darüber ansetzt und die institutionellen Voraussetzungen und Folgen der Technik an das Handeln und die Handelnden selber rückbindet.

Das ist genau das Spannende: Technik erfüllt Zwecke nur in der Benutzung und diese muss zumindest legitim und sinnhaft sein. Machtaspekte sind bei dieser Betrachtung stets mitgedacht, da Technik als Set von Regeln und Ressourcen wiederum Struktur ist.

So ist es nicht zuletzt das Idealbild einer „modernen“ Lebensweise, einem Eilen vom einen Moment zum nächsten, einem stetigen Fokussieren und Up-To-Date-Bleiben, einem fortlaufenden Wissen mit veränderten Vorzeichen und Kommunizieren vielschichtiger Informationen an noch vielschichtigere Empfänger, welche die exzessive Techniknutzung legitimieren. Es machen ja eh alle irgendwo.

_Veränderungen in Raum und Zeit

Fragen wo das jetzt, wo das hier sei stellen sich unter digitalisierten Bedingungen womöglich weniger krampfhaft, wenn die Eindimensionalität der Zeit und das materielle Absolut des Raumes aufgeweicht werden,
wenn Zeit und Raum verstärkt als Referenzen wahrgenommen würden.
Die Linkgesellschaft lässt grüßen, oder bedienten wir uns lieber an Flows und Scapes?

_Aus Multitouch wird Multitask

Auch eine Veränderung der Praktiken in Face-To-Face-Interaktionen scheint möglich.
Virtuelle Präsenz impliziert die dauernde parallele Interaktion mit einer Maschine.
Oder mit mehreren Geräten auf mehreren Ebenen.
Wie hätte ein vorheriges Lesen einer Nachricht die gemeinsame Anwesenheit verändern können?

_Wo bleibt der Mensch, wenn die Technik weg ist?

Kann mensch ohne Technik sein?
Wie nicht jede Kaufentscheidung ins letzte fassbare Bewertungsschema passen kann,
so kann auch nicht jede Interaktion mit Technik kritisiert und reflektiert werden.
Ebensowenig helfen prinzipieller Kulturpessimismus oder Angst vor Ohnmacht gegenüber der Technik weiter.
Gewöhnen wir uns also an das Onlinedasein. Bestimmte Prozesse sind eben schwer umkehrbar
(Ausdehnung des Univsersums, Industrialisierung, Verzeitlichung der Zeit, Bildung von Nationalstaaten, Technisierung?).
Aber jedes neue Medium kann auch Katalysator sein. Zum Beispiel für Demokratisierungsprozesse, Umordnung von Herrschaft, Leben und Denken. Eine neue Qualität bedeutet per sé noch keine Bewertung, rechtfertigt aber in jedem Falle die Beobachtung.

Lagerfeuer wird es schließlich ebenso dauerhaft geben wie das dort hoffentlich nicht immer lückenlos zugängige Breitbandfunknetz. Eine Selbstbeobachtung darf zum Schluss noch erlaubt sein:
Manchmal gehört man eben zu denen, die man verachtet.

Hintergrung: Orlikowski, Wanda J. (1992): The Duality of Technology: Rethinking the Concept of Technology in Organizations; In: Organization Science; Vol. 3, No. 3, S.398 – 427.

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