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This article was written on 19 Okt 2009, and is filled under out of time.

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Anleitung & Einladung zum selbsttätigen Weiterdenken

Heute aufgeschnappt im Sonntagscafé der Wagenburg Lohmühle von einem singenden Rastaman aus Senegal.

„In Senegal we believe that life’s an unfinished sentence.“

Weiterhin hieß es:

„So we need and use tools to write this sentence. Tools like arts, music, our body. With the tools, we write our sentence. We finish.“

Das Wort „sentence“ ließ mich aufhorchen. Wie konnte es sein, dass solch ein intuitiv entstandener Volksglaube Ähnlichkeit aufweißt zu einem der spannendsten & komplexesten gegenwärtig mir bekannten sprachlichen Wahrnehmungsfilter? Die Rede ist von Derridas Begriff der Schrift, welcher in meinem Verständnis dadurch besonders wird, dass er weiter gefasst werden kann als Sprache. Derrida liefert als Beispiele dazu Wörter wie Kartographie und Choreographie (gr. graphme – Zeichen / Schrift nun als System von Zeichen). Diese Graphismen könnten uns nun beispielhaft aufzeigen wollen, dass sich der Akt des Schreibens sinnstiftender in der Welt auffinden lässt als der Akt des Sprechens.

Darum Wahrnehmungsfilter: Worauf achte ich in meiner Umwelt, um diese Wahrnehmung sinnvoll in Bezug zu vorherigen Beobachtungen setzen zu können? Sinnvoll, weil wir der Welt durch unser Handeln überhaupt erst Sinn stiften. Vollkommen frei, versteht sich. Dazu denke man sich noch eine Prise Sartre: „Wir sind zur Freiheit verdammt.“

In diesem Fall verhielte sich das in etwa so: Anstatt darauf zu achten, Was die Welt einem mit zu teilen hat, achte man vielmehr darauf, Wie sie sich einem mitteilt. Kein Leben inmitten von gesammelten Fakten, sondern eines in Prozessen seiend. Keine vereinzelten Informationshäppchen, die erst zu einander in Beziehung gesetzt werden müssten, sondern ein Leben im Fluss der Eindrücke, die ja schon längst mit einander in Beziehung stehen. Die Beziehung ist dann nicht mehr etwas, das erst in einem zweiten Schritt, nach der ursprünglichen Wahrnehmung, konstruiert werden muss, sondern viel mehr etwas, das vielleicht nur noch nicht explizit ausgedrückt wurde, aber immer (im Subtext, zwischen den Zeilen) mitschwingt, somit vorhanden und damit wirkend ist. Hier auch ein bisschen Zen.

Das Wie ist dann bloß wieder nurmehr eine Frage unserer Freiheit; damit gewissermaßen schließlich unserer Phantasie.

Abschließend zum Träumen noch ein Zitat, gefunden auf einem Westfälischen Dampfboot¹:

„Der Mensch ist in seinen Handlungen und in seiner Praxis ebenso wie in seinen Fiktionen im wesentlichen ein Geschichten erzählendes Tier (…) ich kann die Frage: ‘Was soll ich tun?’ nur beantworten, wenn ich die vorgängige Frage beantworten kann: ‘Als Teil welcher Geschichte oder welcher Geschichten sehe ich mich?’“ (MacIntyre 1995, S. 288).

Jon.

¹Maier, Willfried (2006): Können Individuen nur individuell lernen?, Die Verfasstheit der Wissensgesellschaft, Heinrich Böll Stiftung und Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster, S. 262, dazu: MacIntyre, Alasdair (1995): Der Verlust der Tugend, Zur moralischen Krise der Gegenwart, Frankfurt/M.

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