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This article was written on 20 Jul 2007, and is filled under Fahrradtourberichte aus..., out of time.

Ausgegraben.

„Alles ist soweit weg“
Das sagt Jon. Jon liegt neben mir in seinem Schlafsack.
Wir beide liegen auf unseren Isomatten, die wie unsere Taschen auch gemeinsam auf einer großen grünen Plane Platz finden.
Diese Plane befindet sich zwischen zwei Bäumen, durch die der Wind pfeift. Die zwei Nadelbäume stehen auf einer Anhöhe einige Meter entfernt von einem kleinen Kreisverkehr, in dessen Mitte mehrere Fontänen unablässig sprudeln. Entfernt sind Autos auf der Nationalstraße ebenso wie dumpfe Bässe zu hören.

Diese ganze Szenerie spielt sich in Leucat ab, einem Ort an der französischen Mittelmeerküste.
Wir befinden uns in Europa.

Was soweit weg war war der Kugelschreiber.
Nachdem er ihn mir gab kurbelte ich die Taschenlampe auf und fing an zu schreiben. Jetzt schnarcht er. Seit zehn Tagen bin ich unterwegs und es ist schon so viel passiert. Langeweile kam genau einmal auf, aber dazu später mehr. Zuerst möchte ich ein kleines Résumée ziehen.

Alles ging am 20. Juli los, als ich nach diversem Stress wegen meines sehr gut eingepackten Fahrrads und dem kaputten Gerät in Schönefeld dann doch gut und mit vollständigem Gepäck in Barcelona landete. Dass ich nicht abgeholt wurde beunruhigte mich zuerst nicht. Da Jon aber nicht zu erreichen war und ich keine Adresse von Mireia hatte nahm das Abenteuer seinen Lauf. Ein erster Tag voller Action, an dem ich mich abends bei Mireias Mutter schon sehr gut aufgehoben fühlte. Als auch die beiden kamen machten wir die Stadt für mehrere Tage unsicher.

Zuerst war da der Tag, an dem Barcelona und seine Sehenswürdigkeiten abgelaufen wurden. Der nächste Tag wurde in Badalona verbracht, bevor wir auf dem Reggae-Festival ins Schwitzen kamen. Am Samstag zogen Jon und ich nochmals allein los, bevor der Abend der Feierlaune der Barcelonaer die Krone aufsetzte. Die Folgen für Jons Magen sind bekannt, aber schon am Sonntag, als wir für die Fahrt packten ging es ihm besser, sodass er Antonias Tortilla de patatas essen konnte.

Am Montag kamen wir noch nicht so recht in Schwung, auch ein Abschiedsessen will bereitet sein, sodass es keinen Sinn mehr machte abends loszufahren, wofür ich im Nachhinein sehr dankbar bin, weil ich dadurch einen der schönsten Eindrücke dieser Stadt mit nach Hause nehmen konnte.

Das besetzte Haus hat mich von oben bis unten fasziniert, ich habe die Nacht dort sehr genossen, zumal auch Ong Bak geguckt und Shisha geraucht wurde. Außerdem machten Jon und ich während die anderen kochten Küchen-Percussion.

Ohne wirklich geschlafen zu haben fuhren wir dann am Dienstag um Punkt neun Uhr los. Da waren wir also tatsächlich unterwegs.
„Immer am Meer lang“ haben wir gesagt. Mataro hieß die Station der Siesta, die Nacht verbrachten wir in Blanes auf einem Bauernhof und sahen dabei ein schönes Feuerwerk.

Am Mittwochmorgen ging es zum Frühstücken, Schwimmen und Zähneputzen an den Strand von Lloret de Mar, an dem eifrige Arbeiter das Bild der Promenade wenigstens für ein paar Stunden bis zum Mittag auf Vordermann brachten. In dieses Bild passten drei Personen besonders gut rein:
ein älterer Mann einerseits, der den frisch planierten Strand mit einem Metalldetektor nach Münzen absuchte und andererseits zwei Touristen, die ihren Rausch recht komatös am Strand ausschliefen.

An derKüste sollte es weiter nach Norden gehen, 75 km waren gefahren, doch die Berge hinter Lloret zeigten uns erste Grenzen auf, sodass wir zehn Kilometer zurückfuhren, um weiter im Landesinnern den Norden zu erfahren.

Nach diesem Umweg waren wir irgendwann der Sonne wegen gezwungen, eine Pause einzulegen.

Die Todes-Siesta.
An einer Tankstelle mitten in der Wüste. Hügel vor und hinter uns. Angespannte Stimmung. Schweigen, jeder war in sich gekehrt.

Ich war natürlich – am zweiten Tag – am Erfolg der Fahrt interessiert, konnte es aber auch verstehen, dass sich Jon ob der Strapazen und dem langen schweren Weg vor uns nach Barcelona zurücksehnte. Als wir abends in Girona ankamen wurde zur Feier des Tages deftig eingekauft und ich badete in einem Park. In einem anderen ließen wir uns nieder. Diese beiden ersten Nächte verbrachten wir unter freiem Himmel, wir haben ja die große grüne Plane. In einem Zelt wäre es vermutlich eh zu heiß gewesen. Geweckt vom zweiten Wecker und nach einem Frühstück an der Bibliothek mit Kindern ging es weiter nach Figueres, wohin der Weg etwa so beschwerlich wie nach Girona war.

Mein Licht geht aus, ich möchte nicht schon wieder kurbeln, da Jon ja schon schläft.

Um nur noch den Eingangssatz aufzugreifen hatte er Recht:
Alles ist weit weg. Alle bekannten Menschen, Stimmen, Gesichter ebenso wie alle Orte die man kennt oder Aktivitäten, die man mag.
Da alles einfach nur weit weg ist und es dem Wort „weit“ egal ist in welche Richtung es benutzt wird könnte ich mir momentan ebenso vorstellen, in Norwegen oder der Ukraine zu liegen. Das Schnarchen neben mir würde sich nicht anders anhören und auch der Wind pfeift dort bestimmt genauso elegant durch die Bäume.

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