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This article was written on 01 Apr 2006, and is filled under Berlin, out of time.

Illusionen und ÖPNV: eine Ode an die neue Menschlichkeit

Donnerstagmorgen, die S-Bahn ruckelt stadteinwärts.

Mit dabei ein ganzer Waggon von Franzosen. An einem Koffer baumelt noch ein Pappstreifen von EasyJet. Ob das wohl der 6-Uhr-Flug von Paris war?

Das Paar in meinem Viererabteil trägt eine Tasche vom Maire de Paris, da wusste ich noch nicht, dass ich am selben Tag nicht nur eine Email mit dem Hinweis auf das Jugendforum zur Urbanisierung in Vancouver bekommen, sondern abends auch noch dem wohl umtriebendsten Funktionär Berlins, Siggi Abbé, begegnen sollte. Inkognito, ein kurzer Blick vielleicht, ich ließ mich nicht auf ihn ein. Das hat aber mit dem, was ich erzählen möchte gar nichts zu tun. Fand das nur bemerkenswert: Maire de Paris.

Das Paar war reifen Alters, und ihre Kommunikationsebene gefiel mir insofern ich dem ganzen auf Französisch folgen konnte. Es ging dann um die korrekte Übersetzung des Wortes „Baumschulenweg“ ins Französische, woraus sich schnell ein kleiner Streit formte, denn ‚es sind schließlich die kleinen Rechthabereien, die eine Liebe kaputtmachen‘ (Max Frisch).

Schon beim Verstehen ist das eine tolle Erkenntnis. Wieviel Glück aber mag sie nach dem Verinnerlichen bringen? Ich bin gespannt.

 Ich lauschte also um mich. Nahm meine Kopfhörer ab. Vorzugeben, das Französische zu verstehen wollte ich nicht, umso ungeschickter war es wahrscheinlich, unter der offenen Jacke das Namensschild der Jugendherberge mit der kleinen französischen Flagge als Symbol meiner Sprachkenntnisse zu tragen. Sie boten mir keinen Einstieg in ihr Gespräch, aber auch Mimik kann Gäste schließlich willkommen heißen. Die Welt zu Gast bei Freunden (verletze ich jetzt Markenrechte der FIFA?) sozusagen.

Ich als verdeckter Botschafter, Streetworker der Völkerverständigung. Ich träume schon wieder.

Da steige ich doch lieber um. Die neue S-Bahn-Baureihe gefällt mir eh viel besser. Rein ins Getümmel, Kindergarten on the rail. Lustig, wieviele gestresste ArbeiterINNEN (und auch Arbeitsloser) sich offensichtlich von den quietschenden Stimmchen, die sich gegenseitig nur mit noch kraftvollerer Lautstärke die Aufmerksamkeit abzuringen wussten derart genervt fühlten, dass man sich über die Veralterung der Gesellschaft nicht wundern muss. Keiner hat Bock auf Kinder.

Überlegt Herr Aa darüber Kinder zu kriegen, fährt er nach einem achsoharten Arbeitstag mit der S-Bahn, und als wenn die drei Motzverkäufer und zwei rumänischen Folklorebands noch nicht genug waren, wird Aas wohlverdiente Ruhe noch von lärmenden Blagen jäh gestört, nein, gar unterdrückt! Frechheit! Kinder gehören doch hinter Schloss und Riegel, in die Truhen und Keller dieser Republik. Reden sollen sie am besten auch nicht lernen.

 Schont erstens das Quietschestimmchen, zweitens Aas Nerven und drittens alle Machthabenden, weil sie später weniger Aufwand haben den Pöbel unten zu halten. Wie gesagt, da braucht sich doch keiner mehr wundern. Ist auf der einen Seite alles Ansichtssache, sehen die meisten auf der anderen Seite in Kindern nichts Positives. Für mich eine klare Folge des leider immernoch wachsenden Egoismus. Danke liebe Ellbogengesellschaft. Ich muss weiterkommen, darf mich nicht umsehen. Andere sind mir egal, hauptsache ich hab es schön. Kinder? Nein danke, die stören doch nur und halten mich auf.

 Doch ich wäre nicht der Retter der Demographie, hätte ich nicht schon längst eine Lösung gefunden. Ich wäre nicht der Vergreisungsblocker, die Wirtschaftszündkerze und das Problemlösum Mobile in einem, würde ich kein Licht am Horizont sehen. Wehe es denkt mir jetzt einer an Klonen. Das ganze muss natürlich ganz anders aufgerollt werden. Erste Praxistests laufen bereits erfolgreich an, oder warum gibt es im Prenzlauer Berg auf einmal so viele Kinder, in dem Bezirk, wo ich wohne? Na, klingelts? Wenn das nicht als stichhaltiges Argument für meine Methodik durchgeht…

Frei nach Masaru Emotos Motto „Wenn allein Gedanken in simplen Wassermolekülen so viel bewirken können, was können sie dann erst beim Menschen anrichten?“ wird dabei vorgegangen.

Wie drückt man seine Gedanken am besten und wirkungsvollsten aus? Mit einem Lächeln. Lächeln ist nicht schwer, und ich glaube gehört zu haben, dass man es nicht mehr verlernt, konnte man es einmal. Leute, lächelt einfach mal wieder mehr. Lächelt Mütter an, dann können sie zwischen dem ganzen Stress und Ärger auch mal einen Bruchteil der Genugtuung empfinden. Wenn auch nur kurz wissen, dass sie es richtig machen. Wer weiß, wie lange sie daraus schöpfen.

Der geneigte Leser mag sich vorstellen oder auch nicht, dass ich angesichts dieses Theorems der Glücklichkeitsverteilung ob des mobilen Kindergartens ganze S-Bahn-Trassen verstrahlt haben musste. Ob es dem Herrn Aa nun passte oder nicht.

 Ich komme zu einem Schluss, der das Leben, das Universum und den ganzen Rest ziemlich gut beschreibt:

Leute, ich bestimme hier, wo es langgeht! Auch wenn es manchmal nicht den Anschein hat, aber jetzt sollte doch wohl jedem klar sein, wer hinter den ganzen menschlichen Verwirrungen die Fäden zieht. Da lastet plötzlich ganz schön viel auf meinen schmalen Schultern. Nicht nur die Verantwortung für den ganzen uns umgebenden Kram, nicht nur das Wissen, der einzige Schöpfer in meiner Welt zu sein, nein, wohl eine ordentliche Prise Selbstironie, um mich vor allen anderen außer mir selbst erträglich zu machen. Denn eigentlich bin ich unerträglich.

 Zur Beruhigung für denjenigen, der nicht glauben mag, dass jetzt alles anders wird – die Hauptschulen sind erst der Anfang – sei gesagt, trotz aller zukünftig in Erscheinung tretenden wundersamen Veränderungen, der nächste S-Bahn-Kindergarten kommt bestimmt.

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