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This article was written on 08 Sep 2005, and is filled under Uetersen.

Jedes Ende…

… ist der Anfang von etwas Neuem?

Ich war mir dessen nicht bewusst, als ich am Sonntagmorgen (17 Uhr) in Leiden losfuhr.

Zuerst hatte ich Angst. Angst davor, mich in dem Leben abseits der bekannten Zivilisation auf semilegalem Boden durchschlagen zu müssen, obwohl ich das beihnahe sieben Wochen wie im Schlaf schon getan hatte. Nur war ich jetzt allein. Wie dem auch sei, ich hatte jedenfalls Angst davor das Ganze nun allein machen zu müssen.

Außerdem hatte ich Angst vor der Route, denn die Fahrradkarten für Deutschland waren allesamt schon in Uetersen. Somit hatte ich eine Routenbeschreibung, die mir Straßennamen, Kilometerentfernungen und Richtungen angab, die ich aber erst ab der deutschen Grenze benutzen musste, weil ich davor ja noch die Beneluxkarte zu Hilfe nehmen konnte.

Ich möchte hier nicht über den Nutzen oder die Ursachen von Ängsten palabern, aber vielleicht ist es manchmal besse,r sie einfach nicht zu haben, denn ich habe mich oft verfahren. Wohl eher „verfahren“, denn in Holland ging es immer weiter, ich musste ja prinzipiell nur gen Nordosten.

So kam ich bis hinter Hilversum, wo ich das Zelt in einem Wald aufbaute. Ich finde es wichtig, den Schlafplatz zu erwähnen, weil er für mich immer etwas ganz besonderes darstellt.
Komischerweise nicht wegen er Angst, denn die gibt es gar nicht. Es ist wohl doch zu normal, abends einfach wohinzukommen, sein Zelt aufzubauen und morgens wieder zu fahren.

Ich und meine Ziele. Kilometer um Kilometer wollte ich runterrattern, am besten an den 200 pro Tag kratzen, hab ja erstmal sonst nichts zu tun. Das Fahrrad spielte nicht mit. Gewundert hab ich mich zunächst über die riesige Acht (auf holländisch: „Welle“), bevor ich bemerkte, dass aus den zwei gebrochenen Speichen irgendwo in Frankreich mittlerweile sieben geworden waren. Die holperigen Städte und das viele Gepäck schien Spuren zu hinterlassen.

Die Speichen, die Acht, all das waren keine Probleme, so lange das Fahrrad noch vernünftig fuhr, nur tat es das auch nicht mehr, da das Schutzblech keinen großen Spielraum lässt.

Was tun? Aufgeben? Das Zugticket ist dabei? Reparieren? Nur wie bezahlen, will ja noch nach Berlin kommen!

Beim nächstbesten Fietsmaker angehalten, erstmal die Barcelonageschichte erzählt. Vielleicht sehe ich ja auch besonders hilfebedürftig aus, zumindest wurden mir die sieben Speichen für lau ersetzt, das Rad neu zentriert. Wow.

Wie gesagt, ich wusste nicht, ob es ein Neuanfang war, aber nun bin ich mir sicher, dass es das nicht ist.
Vielmehr geht es weiter, ich reite auf den Ausläufern unseres Glücks, oder säße ich sonst hier?

Üüüüberglücklich radelte ich nach Zwolle und schließlich noch bis Slagharen, wobei Erinnerungen an das Ferienlager in Heino wach wurden. Holland gefiel mir indes immer mehr, da ich nun auch von den netten Menschen überzeugt war, um dem Land noch etwas anderes als die Fahrradinfrastruktur positiv anzumerken.

Mit meiner Liebe zu den Niederlanden stieg ebenso stetig auch mein Mitteilungsbedürfnis.
Allein, Tag und Nacht, auf sich gestellt mit der Sicht der Dinge und den Gedanken. Wenn ich das Gefühl habe, in den sieben Wochen zuvor nicht gerade sehr viel geredet zu haben, warum will ich dann jetzt kaum aufhören zu reden?

Ich hatte die Zeltöffnung zur aufgehenden Sonne ausgerichtet, hab sie aber nur mal kurz beim Pipimachen gesehen, dann aus Versehen weitergeschlafen. Nebelschwaden zogen über das Feld, als ich aufstand guckten die Kühe sehr verdutzt. In dem feuchten Gras konnte man sich sogar die Hände waschen.

Das Abschiedsessen für Holland kam quasi geflogen. eher gefahren, aber sieben Kilometer vor der Grenze musste ich bei dem mobilen Imbiss zuschlagen. Kibbeling und Fritten.

But you know what they put on french fries in Holland instead of ketchup?
What?
Mayonnaise.
Goddamn!
I seen ‚em do it man, they fuckin‘ drown ‚em in it.

Oh ja, das musste sein, bevor es nach Deutschland ging. Meppen, Cloppenburg, Delmenhorst.
Das meistgehasste Straßenschild der gesamten Tour steht bei mir spätestens fest, seit ich versuchte mich nach einer geplanten Route zu richten: „Autostraße“. Wenigstens besitzen die Straßenschildaufsteller in Deutschland die Güte, auf die Autostraße hinzuweisen, bevor man versehentlich schon auf ihr ist (da könnten sich einige Kollegen in Frankreich und vor allem Spanien eine Scheibe von abschneiden!).

Blöd nur, dass schon wieder eine Speiche knackte. Was hab ich ihr getan? ich will doch nur noch ein paar hundert Kilometer durch Deutschland fahren. Beruhigend, dass die zwei netten Kerls im Fahrradladen meinten, dass die Speichen nicht richtig angeordnet waren.
Dazu wurde noch die ganze vor Lyon improvisierte Gangschaltungszugkonstruktion fachgerecht erneuert und ne neue Achsenmutter gab es wegen Gewindeschaden auch noch. Nun dürfte es aber bis Berlin reichen!

Delmenhorst – welch ein Armutszeugnis muss es für eine Stadt wohl sein, wenn ich die ganze Zeit an Sarah Connor denken muss, während ich durch sie fahre. Der Navigator sagte rechts abbiegen auf den Brendelweg und nach 3 km in den Kreisverkehr einfahren. Dumm nur, dass nach zwei Kilometern ein Gewerbegebiet mit einem Haufen Sackgassen folgte. Ich suchte mir den längsten Weg ohne Sackgasse und war plötzlich in einem Naturschutzgebiet. Wunderbar, wer braucht denn nocht nen Kreiverkehr, wenn er den idealen Platz für die Nacht gefunden hat. Diesmal keine Kühe, dafür morgens Pferde. Der verdrutzte Blick war in etwa derselbe.

Was ich auch schon immer mal machen wollte war, mich in einem kleinen Fließ zu waschen, wozu ich mir sogar extra Zeit nahm, denn bis Uetersen waren es laut Navigator „nur noch“ 150 km, es reichte also, um 10 Uhr loszufahren.

Bremen. Kannte ich ja schon von diversen Ruderregatten, aber das Stadtzentrum um den Hauptbahnhof hatte ich auch noch nicht gesehen. Viel zu viele Autostraßen, keine Stadtpläne, ich war doch etwas verloren und habe mich dann auch richtig verfahren, bis ich mich dann nach Norden durchfragte. Ich schätze die Stadt hat mir 20 km Umweg beschert, und so schön, dass sie es wert war ist Bremen nicht.

Frohen Mutes ging es also weiter, nächstes Ziel Wischhafen, wo die Elbfähre auf mich wartete. Aber Moment mal, wie lange fährt denn so eine Fähre überhaupt? Gerade wo es jetzt Herbst wird und die Tage kürzer. Gegen 19 Uhr würde ich dort sein, ich quälte mich regelrecht mit der Frage, ob sie dann n och verkehren würde.
ich quälte mich solange, bis ich in einem Fahrradladen nachfragte. Zu dem Zeitpunkt war abermals eine Speiche gebrochen, ich entschied mich aber dazu es nicht reparieren zu lassen, denn die Fähre würde noch länger fahren, sodass ich genug Zeit hatte, noch einen Abstecher durchs Moor zu machen.

…was ich wohl besser nicht getan hätte, denn man konnte ja nicht ahnen, dass die Fähre inklusive Anlegemanöver fast eine Dreiviertelstunde unterwegs ist, wo ich doch noch 30 km vor mir hatte.

Jetzt bin ich hier (und das auch schon eine Weile) und das zählt.

Der vergangene Tag begann genial. Er endete genial. Was dazwischen war, war teils toll. Gute Fahrradwege auch in Niedersachsen und Schleswig-Holstein von der Fahrbahn der Autos getrennt, Sonnenschein, kein Wind. Teils war es auch sehr nervig. Vier gebrochene Speichen und ein Schutzblech, das alle paar Meter ein neues Geräusch zu fabrizieren scheint. Zum ersten Mal ein wundgescheuerter Po – Aua.
Dann sogar noch nördlich von Bremervörde plötzlich ausgedehnte Hügellandschaften, was ich für das Norddeutsche Tiefland sehr seltsam fand, oder war das nur das Zeichen, nicht alles zu glauben, was man in Erdkunde lernt? Vielleicht sollte ich dazu noch einmal nen Glaziologen fragen.

Uetersen, über 2600 km entfernt von Barcelona. Morgen bleibe ich hier, ausruhen, sehen, was der Tag bringt. Vielleicht auch Hamburg, aber das entscheide ich dann. Was ich auch noch entscheiden muss, ist, wie es mit der Tour weitergeht. Der Wunsch zu Hause anzukommen ist ungebrochen, die Motivation allerdings etwas geschrumpft. Ich möchte nicht jeden Tag Speichen ersetzen lassen, ehrlich gesagt will ich es nicht. Da muss noch ne Lösung her, vielleicht finde ich ja auf nem Flohmarkt ein intaktes 28″-Rad mit Dreigangnabe 😉

Ich lasse mich überraschen, und bin mir doch relativ sicher, dass es weitergeht.

One Comment

  1. Mike
    8. September 2005

    KOMM ZURÜCK MUSCHIE !!!!!

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