by HARRY on 5. Januar 2010
Ich habe heute in der Vorleseung über Ästhethik eine interessante Passage über Nietzsches Einteilung der Kunst gehört.
Es war die Rede von der Unterscheidung in einen apollinischen und einen dioysischen Aspekt. Der apollinische ist als maßgebende Kraft anzusehen, der ordnet und einteilt. Der dionysische ist die berauschende Kraft, die die Kunst zur Maxime führt und erst zu etwas außer-gewöhnlichen macht.
Das Gleichgewicht beider Kräfte sorgt für das gerechte Maß des Rausches, kontrolliert und steuert ihn hin zur extatischen Höhepunkt.
“Und nun: mal zwei Wochen ungewohnt sein”
by pitfisch on 4. Januar 2010
Wir schreiben das Jahr 2051.
An einem lauen Frühlingsmorgen gehst du auf der Suche nach dem richtigen Kick-Off als erstes – wie jeden Tag – in die Dusche.
Jedoch hat sie sich, wie fast alles in der Welt, in den letzten Jahren sehr gewandelt und kann bis auf den metallisch-schimmernden Zylinder, der zumindest an einen Duschkopf erinnern könnte, sehr weit von dem entfernt, was früher gemeinhin unter einer Dusche verstanden wurde.
Wasser strömt schon lange nicht mehr über deinen Körper. Seit Medien, Politik und die Verbraucher selbst sich davon überzeugen lassen konnten, dass dieser wertvolle Rohstoff nicht nur knapp, sondern auch äußerst ungerecht verteilt sei, fiel es nicht mehr schwer, die Nanopartikelduschen flächendeckend einzuführen. Dass sich mit Ihnen noch viel mehr Geld verdienen ließe, war sowieso klar.
Aber dich stört das Fehlen des Wassers nicht, so lange die Reinigungspartikel sich auf der Haut nicht nur wie Wasser anfühlen, sondern dazu auch noch in allen möglichen Farben glitzern, Gerüche produzieren und schmecken können.
Ein Schelm, wer denkt, all jenes sei kostenlos.
Doch die Dusche kann noch mehr. Sie kann dich anziehen. Besser gesagt, die Nanopartikel sind in der Lage, sich in allen erdenklichen Formen, Farben und Mustern über deinen Körper zu legen und sich dir wie eine zweite Haut anzuschmiegen.
Erdenklich ist dabei eine ziemlich gute Beschreibung, denn du musst nur an dein Outfit für den lauen Frühlingstag denken, die Dusche erledigt über das Auslesen deiner Hirnströme dann den Rest.
Du findest diese Vorstellung zauberhaft?
Stimmt. Spart morgens ja auch viel Zeit.
Außerdem reden wir von Hygiene, die Spaß macht – Sanitainment also!
Oder denkst du eher – das alles ist Quatsch?
Es geht doch nichts über eine “natürliche” Dusche mit echtem Wasser?
Nicht nur, dass man sich an dieser Stelle fragen sollte, was daran “natürlich” sei,
täglich 38-Grad-heißes Wasser aus der Leitung über seinen müden Körper zu gießen, sich sodann mit Unmengen an aromatisierten Tensiden zu beschmieren und dann noch die ein- oder andere Nuance Deodorant oder Eau de Toilette hinzuzufügen, nein, die Ausmaße einer möglichen Diskussion sind weitreichender.
Die Menschen werden sich die Dusche schon nicht wegnehmen lassen.
Nennt mich pessimistisch, aber Menschen fressen alles, wenn sie davon überzeugt sind.
Wenn die jeweils herrschenden Wertevorgaben es angesagt oder chic erscheinen lassen (Stichwort Apple iShower), ist das Spiel noch einfach zu gewinnen, es geht aber auch profaner: Es wurde oben schon skizziert, aber Wasser könnte nicht nur als prähistorisch, sondern vor allem als umweltschädlich gebrandmarkt werden, so viel, wie wir davon verbrauchen. Vielleicht setzt sich ja auch irgendwann der Gedanke durch, dass wir in den wetslich-industrialisierten Gesellschaften als gute Vorbilder voranzuschreiten haben. Verzicht durch High-Tech.
Noch nicht überzeugt? Du willst immernoch deine alte Dusche behalten?
Ja, sicherlich wird das gehen. Sicherlich wird es auch den “Club der heimlichen Duscher” geben. Aber Leute, macht euch nichts vor: früher oder später wird man sich den stylischen Nanoanzügen nicht mehr entziehen können, und spätestens dann werden alle Gegenbewegungen marginalisiert und kriegen einen äußerst lächerlichen Stempel.
Immerimmernoch nicht überzeugt?
Dann versuch dir mal vorzustellen, jemand hätte deiner Oma vor 50 Jahren erzählt,
sie würde in 60 Jahren europaweit keine Glühbirne mehr kaufen können.
“Aber das ist doch etwas völlig anderes.” Genau.
by pitfisch on 28. Dezember 2009
Die letzten drei Tage (nach dem 24. war ich nur noch zuhause und die meiste Zeit wollte ich allein sein. vielleicht bin ich mal etwas mehr zur Ruhe gekommen als üblich, ich empfinde mich auf jeden Fall gesetzter und nachdenklicher. Naja immerhin ist ja auch Winter, auf den man das schieben kann. merkst du, wie ich schon wieder in der Klammer gefangen bin? schluss. ) waren auf jeden Fall notwendig zum Reflektieren des Jahres, zum Überprüfen von Einstellungen und zur Ausrichtung hin auf das Neue.
Vielleicht möchte ich auch, dass dieses Jahrzehnt nicht zu Ende geht.
Irgendwie war das doch die Jugend. es ist sie eben noch. noch.
aber wenn du auf nem Dubstep-Konzert nicht gerade wenige 17-Jährige siehst, dann weißt du, dass es ne ganze Brut gibt die lauert und Plätze einnimmt, ja sie zu Recht einfordert.
Man selbst findet sich dann irgendwann nur noch auf Videoabenden oder Goafestivals wieder, aber warum sich beschränken. Wahrscheinlich ist es doch eine Chance.
Keine Barrieren zwischen den Generationen mehr, dafür verschiedene Lebenswelten in allen Altersbereichen. Wie viele Anfang-20-Jährige gibt es wohl da draußen, die so völlig andere Sachen machen, die völlig anders reden, sich weitab der eigenen Präferenzen (wenn es die gibt!) kleiden, sich anderen Frequenzen widmen, verschiedene Gerichte und Getränke mögen, zum Friseur oder zu McFit gehen.
Oder was passiert, wenn deine Freunde zu McFit gehen?
Sind nicht alles Statements? Standortbestimmungen im sozial Möglichen.
Die Konstitution der Identität als Flickenteppich von Etiketten, Vorlieben und Denkweisen.
Spannend dabei, dass es sich hierbei a) um die Folgen eines Re-Entrys soziologischer Theorie in die Gesellschaft handelt. Bourdieu entwickelt den Habitusbegriff, klassifiziert Individuen milieuartig durch ihre Lebensstile. Doch ich kann mir weitestgehend aussuchen, welche Werte ich verfolge da jede gleiche Information für unterschiedliche Argumentationen herangezogen werden kann.
Da mensch “weiß”, zumindest aber ahnt, dass bestimmte Werte (was bedeutet mir ein großer Fernseher, Mobilität, ein Buch oder ein selbstgekochtes Essen?) Ausdruck eines Lebensstils sind und somit auch Auskunft über die, ja, jetzt kommt ein fieses Wort, sozialen Aufstiegsschancen geben, wird die Identität heute mehr denn je zur bewussten Konstuktion.
Dieses Spiel wird von den Massenmedien nur vorangetrieben, in dem sie sich dankend aller Clischées bedienen, die sie finden können und ein Bild des “normalen” zeichnen.
Normal ist dabei, *hust* bürgerlich, unreflektiert, unkritisch, sich um kleine Probleme des Alltags sorgend und die Frage nach dem Sinn mit irdischen Vergnüglichkeiten, Sport, Spiel und Sex zu vertuschen. Das Internet schickt sich jedoch hier als hervorragendes Medium an, der Diversifizierung von Lebensentwürfen stärker Tribut zu zollen. Im zweiten Schritt fungiert es vielleicht auch als das Werkzeug der wahren Aufklärung, in welcher wir uns nach wie vor befinden.
Doch zurück zu den Identitäten.
Der Re-Entry bedeutet also, dass die Theorie, ursprünglich aus der Gesellschaft entnommen, aus ihr geformt, in ihrer Verbreitung Veränderungen in ihr selbst induziert.
Ist das nicht verrückt? Gleichzeitig bedeutet es aber auch, dass jede Theorie immer nur Momentaufnahme sein kann. Immer nur im Zustand der Beobachtung Gültigkeit bestitzen kann.
Doch ein zweiter Punkt, b), wartet auf sein Eintreffen.
b) ist nämlich bei dem ganzen Spiel zu beachten, dass es immer zwei Seiten sind, die an der Konstruktion beteiligt sind: du und andere. Jeder kann etwas über dich sagen und du wirst dich in der Frage wiederfinden, ob das Ausgesprochene zutrifft.
Pikant ist dabei wieder: du kannst entscheidend dazu beitragen, was über dich gedacht und somit auch was dir über dich als Spiegel vorgehalten wird.
Du kannst entscheiden. Willst du, dass mensch denkt, du würdest stets zu lang schlafen?
Du kannst sogar lange schlafen und andere im Falle des Falles davon überzeugen, dass du früh aufgestanden wärest.
Somit kommen wir zum dritten und letzten Punkt:
Nichts steht fest.
Alles auf Wackeligen Beinen.
Morgen kann ich Veganer werden, Raucher, Alkoholiker, Sportler, Selbstständig, auf Märkten arbeiten oder bei Kaiser’s an der Kasse sitzen.
Nein, etwas erleichtert stelle ich fest, dass Entscheidungen ja schon gefällt, Wege ja schon geebnet sind.
Nicht alle Möglichkeiten sind wirklich möglich. Routine. Gewohnheit.
und nun: mal zwei Wochen ungewohnt sein.